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Schweriner Schloss als Welterbe : Auf der Suche nach Einzigartigkeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Fünf Gründe, warum Schwerin auf die Welterbeliste der Unesco gehört / Heute beginnt in der Landeshauptstadt dazu die Tagung

von
erstellt am 22.Okt.2015 | 11:45 Uhr

Mit fünf Thesen hat sich Schwerin auf den Weg zum Weltkulturerbe gemacht. Bis 2020 sollen daraus Argumente werden, die dann auch die Experten der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, also der Unesco, überzeugen. Auf deren Liste mit bislang weltweit über 1000 Kulturerbestätten herrscht allerdings ein heftiges Gedrängel, soweit es um europäische und nordamerikanische Plätze geht. Auf einer ersten Welterbe-Tagung will Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt heute und morgen darangehen, die Thesen, warum Schwerin dennoch auf die Welterbeliste gehört, mit Fakten zu unterlegen. Wichtige Fingerzeige, wie das zu schaffen ist, erhofft sich die Stadt zudem von einer äußerst kritischen Expertin. Marie-Theres Albert lehrt am „Cultural Heritage Centre“ (Kulturerbe Zentrum) der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Die Professorin ist im Grunde davon überzeugt, dass bereits „viel zu viel Schlösser“ auf der Unesco-Liste verzeichnet sind, wie sie vor Kurzem in einem Interview sagte. Dennoch will sie helfen, die Lücke in dieser Liste zu finden, in die Schwerin hineinpasst.

Natürlich war Schwerin nicht so vermessen, sich allein mit seinem Märchenschloss um die internationalen Denkmal-Weihen zu bewerben. Auf Platz acht der innerdeutschen Bewerberliste, der sogenannten Tentativ-Liste, schaffte es die Landeshauptstadt 2014 mit dem „Residenzensemble Schwerin – Kulturlandschaft des romantischen Historismus“. Auch wenn das Schloss in diesem Titel nicht erwähnt wird, so steht es doch im Mittelpunkt aller fünf Thesen, auf denen nach Ansicht der Stadtmütter und -väter die Einzigartigkeit des Residenzensembles beruht.

Die erste These besagt in etwa, dass – angesichts des Erstarkens des Bürgertums und der Revolution von 1848/49 - das 1857 eingeweihte Schweriner Schloss wie kein anderer Bau im deutschsprachigen Raum für den damaligen Beharrungswillen der Monarchie als von Gott eingesetzter Regierungsgewalt steht. Als Vorbild wurde bewusst das königliche Schloss Chambord in Frankreich gewählt, um den Anspruch auf die königsgleiche Stellung des Großherzogs zu betonen. Mit seinen Türmen, Zinnen und Bastionen sowie den vielen Ornamenten und Bildern gibt es vor, aus einer lang zurückliegenden „historischen“ Zeit zu stammen.

Laut der zweiten These ist das Schweriner Schloss auch im Inneren einzigartig. Die Staats- und Privatappartements, die fürstlichen Repräsentations- und Wohnräume aus der Mitte des 19. Jahrhunderts legen „in besonders authentischer Weise“ Zeugnis ab „von der Selbstdarstellung souveräner Monarchen im Zeitalter von Vormärz, Revolution und Reaktion“. Dabei geht es um die Anordnung der Räume.

Als dritte Begründung für die epochale Bedeutung des Schweriner Residenzensembles wird die lange Geschichte herangezogen, für die die Schlossinsel als Herrschaftszentrum steht. „Einzigartig“ würden in Schwerin „historische Zusammenhänge“ verdichtet und sogar materialisiert, denn seit dem 12. Jahrhundert sei die Schlossinsel Sitz deutscher Grafen und Herzöge gewesen, die ursprünglich von Slawen abstammten.

Der vierte Grund, Schwerin auf die Weltkulturerbe-Liste zu setzen, ist die erhaltene Vielzahl der Gebäude, die eine Residenzstadt ausmachen. In keiner anderen Stadt finden sich demnach auf so engem Raum ein Repräsentationsplatz wie der Alte Garten, ein Residenztheater, ein Museum für die einst herzogliche Kunst, ein Regierungsgebäude wie die heutige Staatskanzlei, ein Landesarchiv, fürstliche Gruften wie in der Schelfkirche, ein Marstall für die Pferde und sogar eine Hofwäscherei. In Hannover, Dresden oder Berlin – so Schwerins Welterbe-Experten – irgendetwas fehlt dort immer.

Dieses Ensemble ist - fünftens – mit dem Schloss als Scharnier von der Stadt zur Natur eingebettet in eine einzigartige Landschaft am Schweriner See, deren Blickachsen bis zur Insel Kaninchenwerder reichen. Die Bewerbung für die deutsche Warteliste zog folgendes Fazit: „Bis heute ist diese im 19. Jahrhundert geschaffene einzigartige Situation nacherlebbar ... Die Verbindung aus Architektur, Gartenraum und Wasserflächen ist in dieser Qualität einmalig in Europa.“

Ob das allerdings auch die Türken bei der Unesco so einzigartig finden, bleibt abzuwarten. Der Dolmabahçe Palast in Istanbul weist angeblich erstaunlich viele Parallelen zum Schweriner Residenzensemble auf. Christian Otterbach, der an Schwerins Welterbe-Bewerbung maßgeblich beteiligt war, will während der Schweriner Tagung zeigen, warum der Palast am Bosporus dennoch nicht in die Listen-Lücke passt, in der sich Schwerin wiederfinden möchte.


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