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Auf der Reise zu den Schicksalen der Menschen

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erstellt am 30.Apr.2013 | 12:04 Uhr

Crivitz | Dieter Schumann war immer neugierig: Auf die Welt und auf die Menschen in dieser Welt. Darauf, wie sie kochen, wie sie lachen, welche Spiele sie spielen, welche Tänze sie tanzen. Darauf, was sie berührt und wofür sie sich begeistern. 1970, mit gerade 17 Jahren, ging Dieter Schumann zur See, um seine Neugier auf die Welt und die Menschen in dieser Welt zu stillen. Der Schritt zum Dokumentarfilmer sei danach kein großer mehr gewesen, sagt Schumann. "Das Prinzip ist das gleiche: Statt um die Welt zu reisen, habe ich mich auf die Reise zu den Schicksalen der Menschen gemacht."

In diesem Jahr wird Dieter Schumann 60 Jahre alt. Aus diesem Anlass ehrt das 23. Filmkunstfest Schwerin den mecklenburgischen Filmemacher mit einer Retrospektive. 1991, beim ersten Filmkunstfest, war Dieter Schumann der Gründungsdirektor.

Schumanns Reise zu den Schicksalen der Menschen beginnt Ende der 1970er-Jahre. Nach fünf Jahren auf See und einer zweijährigen Regieassistenz beim DDR-Fernsehen beginnt er ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg. Nur sechs Jahre nach dem Hochschulabschluss schafft Schumann mit "Flüstern & SCHREIEN" ein Dokument der Befindlichkeit der jungen Menschen in der Underground-Musikszene der DDR. Mit einer Million Kinozuschauern sei "Flüstern & SCHREIEN" der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm gewesen, bis er 1999 von "Buena Vista Social Club" abgelöst wurde, sagt Dieter Schumann.

Es ist eine Reise, die von Anfang an eng mit Schumanns Heimat, mit Mecklenburg-Vorpommern, mit Sehnsucht, mit Heimweh und Fernweh, verbunden ist. Als Seemann reiste Schumann nach Südamerika, Afrika oder Skandinavien und verstand dort, wie wichtig Heimat ist. "Erst in der Ferne erkennst du den Wert deiner Wurzeln", sagt Schumann. Er hat diese Heimat und die Menschen, die hier leben, zu seinem Thema gemacht - Schumann als "Chronist des Landes", in dem er geboren ist.

Menschen im Mittelpunkt

Es ist eine Reise, die den gebürtigen Ludwigsluster immer und immer wieder zu den Menschen und ihren Schicksalen geführt hat. Sie stehen im Mittelpunkt seiner sensiblen Portraits, sollen vom Zuschauer gehört, gesehen, gefühlt werden. Die dokumentarischen Portraits der Reihe Mecklenburger Profile haben alte Berufe zum Thema und zeigen doch viel mehr - die Menschen dahinter. Wie die Brüder Hans-Dieter und Wolf-Rüdiger Gevert ("Mit Laib und Seele"), die ihr ganzes Leben auf die Arbeit in ihrer kleinen Dorfbäckerei in Lübow ausgerichtet haben und nach fast 40 Jahren in den Ruhestand gehen. Wie der Instrumentenbauer Götz Rausch, der an der Ostseeküste neue Musikinstrumente erfindet ("Meerklang").

Neuester Film "Tanz des Lebens"

Der Kino-Film "Wadans Welt" (2010) indes überlässt den Werftarbeitern den Raum, ihrem Alltag, ihren Hoffnungen, ihren Wünschen, ihren Existenzängsten - ihrem Leben. Und auch Schumanns neuester Dokumentarfilm "Tanz des Lebens" (2012) rückt die Schicksale in den Mittelpunkt: Die Schicksale von fünf Frauen, Zeitzeugen eines grausamen Krieges und eines mühseligen Neubeginns, die die traumatischen Erlebnisse aus dem Krieg während der aktiven Zeit in Familie und Beruf ausgeblendet haben und nun - vor dem kontrastierenden Hintergrund eines beschwingten Seniorentanzes - von ihren wiederkehrenden Erinnerungen berichten.

Ein Film, der, wie viele Produktionen von Dieter Schumann, ohne Kommentare auskommt. Weil die Menschen und ihre Geschichten für sich sprechen. Und doch: Es sei zunehmend schwer, für Dokumentarfilme im Fernsehen einen Platz zu finden, sagt Schumann. "Dokumentarfilme passen allzu oft einfach nicht mehr rein, wenn ihre Hauptsendeplätze mit Talk-Shows ersetzt wurden." Es ist eine Reise, die auch den leidenschaftlichsten Filmemacher manchmal ratlos macht. "Ich freue mich über diese Retrospektive und bin stolz da-rauf", sagt Schumann dann auch, "aber ich möchte das Filmkunstfest nicht nur zur Selbstbeweihräucherung nutzen, sondern auch dazu, bestimmte Dinge zu thematisieren." Zum Beispiel, dass die wirtschaftliche Filmförderung im Land gänzlich zum Erliegen gekommen sei - mit schwerwiegenden Folgen auf verschiedenen Ebenen. Und seien es in den 1990er-Jahren noch rund 1,1 Millionen Euro gewesen, die in die Filmförderung geflossen seien, seien es heute noch rund 200 000 Euro aus der Kulturellen Filmförderung. "Wenn man weiß, dass ein abendfüllender Dokumentarfilm 250 000 Euro und mehr kostet und Höchstsätze für die Förderung bei 20 000 Euro liegen, ist klar, dass hier nicht substanziell gefördert werden kann."

Die Konsequenz: Filmemacher des Landes hätten kaum eine Chance, sich mit Produktionen aus anderen Bundesländern zu messen. Viele hätten MV bereits den Rücken gekehrt. "Ich bin schon jetzt definitiv der einzige freiberufliche Filmemacher im Land, der noch von dem Beruf lebt", so Schumann.

Filmkultur hat im Land keine Chance

Und: Der Nachwuchs bleibt aus. "Es ist traurig und fragwürdig, dass es hier keine jungen Menschen mehr geben soll, die sich mit der filmkünstlerischen Arbeit auseinandersetzen. Ein Filmemacher", sagt der 59-Jährige, "ist doch immer auch Botschafter seines Landes. ,Wadans Welt ist ein Film, der durch die Welt gegangen ist, der in 82 Ländern gezeigt und in sechs Sprachen übersetzt wurde. Es geht längst nicht mehr nur um Kulturförderung, sondern um Imageförderung für dieses Land. Doch die Realität sehe anders aus: Eine zersplitterte Filmförderung, politische Zerwürfnisse, "eine hausgemachte Geschichte", so Schumann, der von 1990 bis 2001 Leiter des Landesfilmzentrums war. "Die Filmförderungen müssen jetzt zusammengeführt werden, sonst hat die Filmkultur im Land keine Chance."

Geschichte des Landes ist Menschengeschichte

Und noch ein Thema, das ihm wichtig ist, möchte der Filmemacher aus Basthorst anlässlich seiner Ehrung in den Fokus rücken: Die Bewahrung des filmischen Guts, des filmischen Erbes des Landes. "Das ist ein kostbarer Schatz", sagt Schumann, bei dessen Archivierung bisher gänzlich die Struktur fehle. Denn der Wert von Film liege auf zwei Ebenen: Einem aktuellen Wert des spannenden und interessanten, der in den Geschichten selbst liegt; und einem darüber hinausgehenden Wert als audiovisuelles Gedächtnis. Bäcker zum Beispiel, sagt Schumann, sei ein Beruf, der ausstirbt, ein Handwerk, das verloren geht. "Niemand kümmert sich darum, dass es einen kulturellen Wert hat, diese Dinge zu erleben. Es reicht nicht, sie zu beschreiben, man muss sie festhalten. Denn die Menschen, die dahinter stecken, ihre Bewegungen und Gesten, erzählen eine ganze Menge. Man sollte die Geschichte dieses Landes viel mehr auch als Menschengeschichte begreifen", findet Schumann. Menschen als lebendige Zeitzeugnisse, sagt er. "Wir beschäftigen uns so viel damit, was wir in Museen stellen, wie wir Häuser als steinerne Zeugnisse erhalten und restaurieren, wie Urkunden im Landeshauptarchiv erhalten bleiben können. Aber was ist mit den Mecklenburger Originalen?" Dabei hat Dieter Schumann relativ genaue Vorstellungen, wie die Bewahrung des audiovisuellen Gedächtnisses aussehen könnte: "Das Filmarchiv müsste ein Teil des Landeshauptarchivs sein und eine Infrastruktur haben, die an die des Landeshauptarchivs angelehnt ist. Es müsste Archivare geben, die Material sichten, bewerten und Bestandsbücher führen." Mit Gerd Schneider, dem früheren Aufsichtsratsvorsitzenden der FilmLand gGmbH und einstigem Direktor des NDR-Landesfunkhauses in Schwerin, und dem Kulturministerium habe es bereits vor Jahren Gespäche dazu gegeben. "Doch die Idee ist im Sande verlaufen."

Öffentliche Debatte über Wert des Filmes

Schumann will die Ehre, die ihm beim Filmkunstfest zuteil wird, nutzen, um auf seine Anliegen aufmerksam zu machen. "Sieht man Schumann tatsächlich als ,Chronist des Landes, der sich mit den Menschenbildern und der Sozialgeschichte beschäftigt hat, ist diese Verquickung gut, um sie für die öffentliche Debatte zu nutzen", sagt Schumann. Und freut sich umso mehr, dass passenderweise Dr. Andreas Röpcke, Leiter des Landeshauptarchivs im Ruhestand, morgen Abend die Laudatio zu seiner Retrospektive hält.

Es ist eine Reise, die das ist, was Dieter Schumann wollte und will. "Ich wollte nie meinen Beruf gegen den eines Funktionärs eintauschen", sagt er mit Rückblick auf elf Jahre als Leiter des Landesfilmzentrums. Irgendwann sei er nur noch unzufrieden gewesen, das Filmemachen habe ihm gefehlt. 2001 stieg Schumann aus eigener Entscheidung aus, 2002 gründete er seine Basthorster Filmmanufaktur. "Ich habe das nicht bereut, absolut nicht, auch wenn mich viele gewarnt haben, dass ich dann keine Sicherheiten hätte", sagt er heute.

Es ist eine Reise, die noch lange nicht zu Ende ist. Derzeit dreht Dieter Schumann mit "Wunder, Wunden und Visionen - Eine ökologische Weltreise mit Professor Michael Succow" einen Dokumentarfilm für Kinder und Jugendliche, der im Mai 2014 in die Kinos kommen soll. Erst im März ist er von Dreharbeiten aus Äthiopien zurückgekehrt. Es sei schön zurückzublicken, sagt Dieter Schumann - und festzustellen, dass er sich selbst treu geblieben sei.

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