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Zur Jagdlizenz nach Gischow : Auf der Pirsch nach Jagdscheinen

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Gösta Rehse betreibt eine Jagdschule. Hier treffen sich jeden Monat Menschen aus ganz Deutschland, um innerhalb von 14 Tagen ihren Jagdschein zu erwerben. Er ist der größte Arbeitgeber im 250-Seelen-Dorf. Und der einzige.

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erstellt am 16.Mär.2012 | 08:41 Uhr

Gischow | Sie teilen ziemlich viel: Ilke Schasse und Finn-Hendrik Meyer sind ein Paar, studieren gemeinsam Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt und machen nun gemeinsam ihren Jagdschein in Gischow. Den Ort, der zwei Kilometer südlich von Lübz liegt, kannten die 22-Jährige aus der Region Hannover und der 25-Jährige aus Ostholstein vorher nicht. Wahrscheinlich hätten sie ihn auch nie kennen gelernt, wäre da nicht ein gewisser Gösta Rehse. Der nämlich betreibt in dem 250-Seelen-Dorf eine Jagdschule. Hier treffen sich jeden Monat Menschen aus ganz Deutschland, um innerhalb von 14 Tagen ihren Jagdschein zu erwerben. Fünf Angestellte hat der gebürtige Niedersachse, ist damit der größte Arbeitgeber im Ort. Und der einzige.

Auch Gösta Rehse kannte Gischow lange Zeit nicht. Der Forstingenieur zog nach seinem Studium nach Brandenburg, arbeitete dort als Revierförster. 2004 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete eine Jagdschule im Hotel Gutshof Sparow in der Nähe von Alt Schwerin (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte). Doch er musste die Räume im Gutshof anmieten, suchte nach einer Lösung mit eigenen Räumlichkeiten. "Durch einen Bekannten erfuhr ich durch Zufall von dem Objekt in Gischow", erinnert sich Rehse. Ein Mann aus dem Schwarzwald hatte das alte LPG-Gelände mit Mastanlage an der Elde in einen Komplex mit Ferienwohnungen umgebaut. Überraschend verstarb der Mann, seine Familie in Süddeutschland suchte einen neuen Nutzer. "Es war ein unglaublich glücklicher Zufall", sagt der Naturliebhaber, während er auf einem kleinen Steg steht und auf den Fluss blickt. Ein bisschen sieht er dabei aus, als könne er selbst kaum glauben, dass er so ein schönes Fleckchen Erde besitzt. "Im Westen würde man so etwas nicht bekommen", sagt er und atmet tief ein. Sein Traum ist 10 500 Quadratmeter groß.

Eine Waffenkammer für die Schwiegermutter

In der schweren Stahltür der Waffenkammer ist ein automatisches Schloss mit Zahlencode eingelassen. "Hier wohnt meine Schwiegermutter, wenn sie zu Besuch kommt", sagt Rehse und seine Augen blitzen, als er lacht. Drinnen liegen sauber aufgereiht Gewehre, Flinten, ein paar Pistolen. Schießen lernen müssen seine Schüler schließlich auch, der Waffenschein gehört zum Gesamtpaket.

Das Paket, das der 39-Jährige schnürt, ist ohnehin groß. Denn in seiner Jagdschule gibt es nicht nur Seminarräume, sondern auch zehn Ferienwohnungen. "Rundum-sorglos-Paket", nennt Rehse das, was er seinen Schülern bietet. "Sie sollen sich voll und ganz auf den Stoff und die Prüfungen konzentrieren", sagt der zweifache Vater. Denn Konzentration, die brauchen seine Schüler. Früher dauerte die Prüfungsvorbereitung oft ein ganzes Jahr. Heute sind die Jagdschüler schon nach 14 Tagen fit für die schwierige Prüfung. "Die Jagdprüfung ist im privaten Bereich deutschlandweit die anspruchsvollste Prüfung überhaupt", sagt Rehse. Denn die Jagdschüler brauchen sehr viel mehr Wissen, als bloß anlegen, zielen und abdrücken zu können. In der Prüfung müssen die Schüler detaillierte Fragen zu Waldtieren, Pflanzen und Schutzzeiten beantworten. Ziemlich viel Stoff für nur zwei Wochen Kurs. Das "grüne Abitur" heißt die Prüfung deshalb auch. Trotzdem bestehen 98 Prozent von Rehses Schülern die Prüfung. Mit anderen Worten: Im Jahr fallen nur etwa drei seiner Schüler durch die Prüfung. "Auf diese Quote sind wir stolz", sagt er.

Trotz des hohen Zeitdrucks geht der Trend zu den Intensivkursen. Zeit für einen Abendkurs über eine Spanne von einem Jahr haben viele nicht mehr. "Die Jagdverbände bekommen ihre Kurse oft gar nicht voll", sagt Rehse. Eine Entwicklung, die Henning Voigt vom Landesjagdverband bestätigt. "Auch unser Jägerlehrhof bietet Kompaktkurse an, weil sich meistens nicht genug Teilnehmer für die Jahreskurse finden", sagt der Leiter des Lehrreviers in Damm-Malchow. Als Konkurrenz empfindet Voigt die privaten Jagdschulen trotzdem nicht. Und dass, obwohl es in Mecklenburg-Vorpommern 27 solcher Schulen gibt - mehr als in jedem anderen deutschen Bundesland. "Im Jagdbereich gibt es seit Jahren Nachwuchsmangel, deshalb freue ich mich über jeden Menschen, der sich entschließt, den Jagdschein zu machen", sagt Voigt. 1200 Jagdscheine stellen die Behörden im Jahr in MV aus. Ein deutschlandweit herausragender Wert. Doch dem Jägernachwuchs in MV ist mit dem guten Wert allein nicht geholfen. "Nur 200 dieser Jagdscheine bleiben im Land, der Großteil der Schüler kommt aus anderen Bundesländern, vor allem aus Bayern und Nordrhein-Westfalen", sagt Voigt. Der Altersdurchschnitt der Jäger in MV bleibt also hoch, liegt oberhalb von 54 Jahren.

Hohe Standards bei der Jäger-Ausbildung

Auch die Qualität der Privaten bezweifelt der Wildmeister vom Verband nicht. "Alle Schulen brauchen die Genehmigung des Landwirtschaftsministeriums und unterstehen dessen Kontrolle, allein deshalb sind die Standards an allen Schulen vergleichbar hoch", meint Voigt. Auch, dass überhaupt so viele Menschen für die Jagdscheinprüfung nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, liegt an der bewusst liberalen Haltung des Landwirtschaftsministeriums. Denn in MV dürfen anders als in vielen anderen Bundesländern seit einiger Zeit beliebig viele Prüfungstermine im Jahr stattfinden. Nur die Mindestteilnehmerzahl ist auf zehn Prüflinge festgelegt. "So viele Schüler muss ich also jeden Monat zusammen bekommen", sagt Gösta Rehse. Ein Ziel, das er bisher immer erreicht hat.

Meistens kommen zwölf Prüflinge, in den Sommerferien deutlich mehr. Dann nämlich reisen auch Schüler an, um die Prüfung abzulegen. Denn ab einem Alter von 14 Jahren können Schüler die Prüfung ablegen, bekommen die Urkunde aber erst zwei Jahre später ausgehändigt. Jagen dürfen die Jugendlichen ab dem Alter von 16 Jahren in Begleitung eines jagderfahrenen Erziehungsberechtigten. "Der Sommerferienkurs ist schon ausgebucht", sagt Rehse. 30 Jugendliche werden kommen, nur zwei davon volljährig sein.

Die Jäger verzeichnen deutschlandweit seit einiger Zeit wieder einen Aufwärtstrend. Es wollen wieder mehr Menschen einen Jagdschein machen. 350 000 Jäger gibt es aktuell. "Das Jagen war lange Zeit in einigen Gesellschaftsgruppen verpönt, ist nun wieder salonfähig geworden", sagt Gösta Rehse. Der Jäger führt diese Entwicklung auf ein gestiegenes Umweltbewusstsein und ein anderes Verhältnis vieler Menschen zur Ernährung zurück. "Menschen wollen wieder wissen, wo ihr Fleisch herkommt - dafür eignet sich die Jagd sehr gut", sagt er. Für viele seiner ehemaligen Schüler bedeute das Jagen auch Stressfreiheit und Entspannung in der Natur. Eine elitäre Angelegenheit, bei der die oberen 10 000 in deutschen Wäldern aufeinander treffen, ist das Jagen längst nicht mehr. Die Leidenschaft geht quer durch alle Gesellschaftsschichten. "Das ist auch hier in der Schule eine tolle Sache: Menschen begegnen sich und drücken gemeinsam die Schulbank, die sich im normalen Leben sonst wahrscheinlich nie kennen lernen würden", sagt der Mann, der seit 1990 selbst einen Jagdschein besitzt.

Wirtschafts-Promis drücken die Schulbank

Manchmal kommen auch Promis nach Gischow. Vor allem Wirtschaftsbosse, die den Managerkurs schätzen. Einzelunterricht bei Gösta Rehse - von morgens 8 bis abends 22 Uhr. "Diese Menschen sind meist sehr leistungsstark und können das ab", sagt Rehse. Einen kürzeren Weg zum Jagdschein gibt es nicht: Zwölf Tage dauert der Kurs inklusive Prüfungen. Eine Hetzjagd. Ganz so schnell müssen Ilke Schasse und Finn-Hendrik Meyer nicht sein. Doch auch für sie ist es viel Stoff in wenig Zeit. Heute stehen die Schießprüfungen für den Jagdschein an. Na dann: Waidmanns Heil.


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