Unsere Redakteurin eroberte mit dem Schneemobil den Yukon : Auf den Spuren der kanadischen Goldgräber

<fettakgl>Zwei deutsche Mädchen im kalten Kanada: </fettakgl>Martina Scheller (r.) und Autorin Juliane Haendschke
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Zwei deutsche Mädchen im kalten Kanada: Martina Scheller (r.) und Autorin Juliane Haendschke

Alles ist weiß. Schnee bedeckt die Gipfel der kanadischen Rocky Mountains und biegt die Äste der Nadelbäume: Bilderbuch-Winter im Yukon. Hunderte Deutsche fliegen jährlich ins Wintersportgebiet des Yukon.

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01. März 2013, 05:51 Uhr

Alles ist weiß. Schnee bedeckt die Gipfel der kanadischen Rocky Mountains und biegt die Äste der Nadelbäume: Bilderbuch-Winter im Yukon. Direktflüge nach Whitehorse gibt es nur in den Sommermonaten von Frankfurt am Main aus. Dennoch fliegen hunderte Deutsche jährlich ins Wintersportgebiet rund um die Hauptstadt des kanadischen Territoriums Yukon. 21 Flugstunden von Hamburg, 500 Kilometer vor der Grenze nach Alaska und 100 Kilometer südlich der Stadt Whitehorse hört die Zivilisation auf und fängt das Abenteuer an. Die wilde Weite des Yukon erfahren Besucher auf Schneeschuhen oder per Schneemobil.

Wen es nach "Eagle’s Lan-ding" an den Crag Lake verschlägt, der ist mittendrin. Die Blockhütte des kanadischen Halbblutes Kevin Barr duckt sich mit fünf weiteren Holzhäusern an das Seeufer. 1200 Meter über dem Meeresspiegel klettert das Thermometer sechs Monate im Jahr nicht über die Null-Grad-Celsius-Marke. In der Nacht sind es schon einmal minus 40 Grad Celsius. Es ist eine trockene, angenehme Kälte, die auch nachts bei offenem Fenster kaum unter die Bettdecke kriecht. Dafür flimmern bei den tiefen Temperaturen manchmal Nordlichter am Himmel.

Morgens sind in der Hütte mollige 25 Grad Celsius. Kevin hat ordentlich Holz aufgelegt. Ein Tag im Januar beginnt mit dem Sonnanaufgang um 9 Uhr. Wir zwei deutschen Mädchen sitzen mit Kevin und seinen Nachbarn Paul und Jeanine beim Frühstück. Die beiden sind wie viele hier Künstler - sie arbeitet mit Glas, er mit Metall. Ihre Aufträge führen sie bis nach Japan. Ihre Blockhütte errichteten sie am Crag Lake. Fünf Schneemobile parken vor der Veranda von "Eagles Landing" - die Fahrzeuge sind das praktischste Fortbewegungsmittel in der kalten Jahreszeit. "Im Winter kommen wir am besten in der Wildnis voran. Über die zugefrorenen Seen kommst Du mit den Mobilen überall hin", sagt Paul. Mit dem Kanu sei es in den Sommermonaten umständlicher. Wenn die Bären schlafen, ist die beste Zeit, den Yukon zu spüren, wie er wirklich ist. Bevor der Tross startet, zieht Kevin aus seiner zwei Kubikmeter großen Tiefkühltruhe in einem Unterstand ein großes Stück Moose-Fleisch, eine kanadische Elchart und das spätere Abendbrot. Kevins Füße stecken in dick gefütterten Stiefeln, seine Hände in zentimeterdick gefütterten Handschuhen. Unter der Fellmütze trägt er eine Sturmhaube. Nach 20 Minuten sind alle dick eingepackt.

Los geht es. Früher schlugen sich die "Weißen" mit Hundeschlitten durch, heute befahren alle, auch die First Nations, wie sich die Indianer nennen, mit kettenbe-triebenen Schneemobilen die Wälder. Auf den mehreren Meter dicken Eisflächen - "auf denen du mit einem Jet landen kannst", wie Kevin sagt -, fliegen wir auf unseren Schneemobilen mit bis zu 80 Kilometer pro Stunde über die Seen. Hinter der Uferkante im Wald und am Berg geht es langsamer voran. Die Kanadier folgen im Winter "Trails", die schon die alten Goldgräber in die dichten kanadischen Wälder geschlagen und über die sie um 1900 ihre Außenposten mit dem Notwendigsten versorgten. Einige Blockhütten gibt es noch heute, die "Cabines". Die Kandadier vermieten sie, traditionell ohne fließendes Wasser, mit Kochstelle, Schlafstätte, Veranda und Holzofen. Das urige Gefühl ist inbegriffen.

Mühsam ist es auch mit den Schneemobilen - immer wieder ein Stopp. Die Männer legen die zugewachsenen Wege mit Kettensägen frei. Das Holz landet für den heimischen Holzofen im angehängten Transportschlitten. Wo das Eis tragfähig ist, geht es einen schmalen, zugefrorenen Bachlauf voran. Immer wieder kreuzen Spuren von Wölfen und Moosen den "Trail". Neonfarbene Bänder in den Baumästen markieren regelmäßig die Strecke.

Während einer Pause erzählt Paul von den wilden Bisons, die mehrere Tagestrips tiefer in den Rockys leben. Einige First Nations ziehen noch heute mit den Tieren umher. Sie leben mit den Jahreszeiten in für sie reservierte Territorien, erzählt Kevin. Sie versuchen den Spagat zwischen einem freien Leben mit der Natur und einem mit der Zivilisation. Ihre Kinder sollen eigentlich zur Schule gehen. Die Regierung hat sie noch vor wenigen Jahren in Internate gesteckt, weit ab von ihren Familien und Stämmen. Eine ganze Generation entwurzelte. Heute treffen sich einige regelmäßig im Culture Centrum in Whitehorse.

In der kanadischen Regierung findet derzeit ein Umdenken statt. Wo sie einst entwurzelte, versucht sie nun zu helfen. Aber die Probleme seien groß. Das wachsende China hat seine Aufmerksamkeit mittlerweile auf die riesigen Holz- und Erdölvorräte im weiten Yukon gerichtet. "Wir kämpfen an mehreren Fronten", sagt Kevin und zieht sich wieder die Handschuhe über. Die Sonne versinkt langsam hinter den Gipfeln. Es ist noch zwei Stunden hell und der Tross tritt den Rückweg an. Die Finger sind klamm und die Bärte der Männer weiß vom Atem.

Die Schneemobile stehen wieder vor der Veranda. Kevin heizt die Glut mit mannsdicken Holzscheiten wieder an. Über dem Herdfeuer kocht das Fleisch. Wir schlüpfen in Badesachen auf die Veranda, verschwinden im beheizten Whirlpool und schauen auf den Crag Lake. Am Himmel leuchten Scharen von Sternen. Dampf steigt in die klirrende Kälte.

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