Auch Kassen kommen ins Rutschen

Wer ist schuld? Nach folgenschweren Stürzen auf Schnee oder Eis recherchieren die Krankenkassen, wer die Kosten für die Behandlung übernehmen muss.SHZ
1 von 2
Wer ist schuld? Nach folgenschweren Stürzen auf Schnee oder Eis recherchieren die Krankenkassen, wer die Kosten für die Behandlung übernehmen muss.SHZ

von
11. Februar 2010, 06:47 Uhr

Schwerin/Rostock | Die Zahl der Verletzungen und Knochenbrüche durch Stürze auf eisglatten Wegen und Plätzen liegt in diesem Winter zwei-, in einigen Kliniken sogar dreimal so hoch wie vor einem Jahr. Ärzte operieren, schienen und gipsen im Akkord und stellen die Kosten anschließend den Krankenkassen der Patienten in Rechnung.

"In den ersten vier Wochen dieses Jahres sind bei uns bereits 600 Unfallmeldungen von Versicherten eingegangen, die auf Grund von Schnee oder Eisglätte gestürzt sind", so der Sprecher der AOK Mecklenburg-Vorpommern, Markus Juhls. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2009 gingen bei der größten Krankenkasse im Land nur etwa 200 Meldungen über Sturzverletzungen ein.

Ähnliche Relationen erwartet auch Barmer/GEK-Sprecher Wolfgang Klink. Zwar liegen seiner Kasse noch keine Januar-Zahlen vor, doch geht auch er mindestens von doppelt so vielen Fällen wie im letzten Winter aus, eher dürften es auch hier dreimal so viele Stürze sein.

"Und dazu kommt eine nicht unerhebliche Grauziffer", betont Heike Schmedemann, die Sprecherin der Techniker Krankenkasse (TK) im Land. Schließlich würden die Kassen nur bei stationären Aufenthalten oder Krankschreibungen von der Diagnose ihrer Versicherten erfahren. Stürzen dagegen Kinder oder - noch weitaus wahrscheinlicher - Rentner und müssen ihre Verletzungen nicht im Krankenhaus behandelt werden, geht zwar auch eine Artztrechnung, aber keine Diagnose an die Kasse.

"Durchschnittlich verursacht ein Knochenbruch zweieinhalb bis dreitausend Euro an Kosten", so Barmer-GEK-Sprecher Klink. "In komplizierten Einzelfällen können aber auch siebeneinhalb- oder sogar 10 000 Euro zusammenkommen." Außer ärztlichen Behandlungskosten - unter Umständen auch für eine Operation fielen von Fall zu Fall schließlich auch noch Kosten für den Krankentransport, Bandagen und Gehhilfen, physiotherapeutische Behandlung und bei vielen längerwierigen Verletzungen auch Krankengeld an, ergänzt AOK-Sprecher Juhls.

Angesichts der Vielzahl von Sturzunfällen kommt so schnell ein Betrag zusammen, der das Budget einer Kasse deutlich belastet. "Durch das Sozialgesetzbuch sind wir daher verpflichtet worden, Regress für verauslagte Leistungen einzufordern, wenn ein Verantwortlicher für einen Unfall ausgemacht werden kann", erläutert Markus Juhls. Bei jeder Unfallmeldung würden daher in einem automatisierten Verfahren Fragebögen an die geschädigten Versicherten verschickt. "Im Jahr passiert das ungefähr 25 000-mal - auch bei Verkehrs- oder Haushaltsunfällen", so Juhls. In etwa 10 bis 15 Prozent der Fälle würden die Angaben der Geschädigten zum Unfallhergang belegen, dass es ein vermeintlich Unbeteiligter verantwortlich für das Geschehen ist.

Dann würden Kassenmitarbeiter recherchieren und in der aktuellen Situation zum Beispiel ermitteln, ob die Streupflicht verletzt wurde, ob sie der Eigentümer möglicherweise auf Dritte übertragen hatte und ob die Witterungslage zum Unfallzeitpunkt überhaupt so war, dass Streuen sinnvoll gewesen wäre. "Außerdem prüfen wir, ob unserem Versicherten ein Mitverschulden angerechnet werden muss, weil er zum Beispiel keine wetterfesten Schuhe trug oder weil er eine offensichtliche Eisfläche ignoriert hat", so der AOK-Sprecher.

Bei der TK, in deren Schweriner Unfallzentrum entsprechende Meldungen aus ganz Deutschland zusammenlaufen, wurde ermittelt, dass circa 70 Prozent aller Unfälle selbst verschuldet worden sind. "Knapp ein Drittel sind Fälle, wo die Frage nach der Haftpflicht gestellt werden muss - und das tun wir auch, selbst wenn die Auseinandersetzung um eine Kostenerstattung lange dauert", betont Heike Schmedemann.

Gerade bei Forderungen gegenüber den Kommunalen Schadenausgleichsstellen, die Ansprechpartner bei Räum- und Streupflichtverletzungen durch Städte und Gemeinden sind, könne es aber schon einmal zwei Jahre dauern, bis die Kasse das für einen Gestürzten verauslagte Geld wieder hat.

Ebenso lange muss der Geschädigte unter Umständen warten, wenn er privatrechtliche Ansprüche gegen den Unfallverursacher geltend machen will. "Denn die Patienten treten an uns zwar ihre Rechte ab, was die Einforderung verauslagter Behandlungskosten betrifft", so AOK-Sprecher Juhl. "Schmerzensgeldforderungen muss aber jeder selbst einklagen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen