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Russland plant eine neue Stromtrasse auf der Gaspipeline nach Lubmin : Atomstrom huckepack durch Ostsee?

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Fließt in einigen Jahren russischer Atomstrom nach Deutschland? 2016 soll das neue Atomkraftwerk Baltijskaja ans Netz gehen, und russische Energie-Konzerne denken bereits laut über eine Trasse durch die Ostsee nach.

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erstellt am 27.Dez.2012 | 06:24 Uhr

Greifswald/Schwerin | Fließt in einigen Jahren russischer Atomstrom nach Deutschland? 2016 soll im neuen Atomkraftwerk Baltijskaja in Kaliningrad ein erster Reaktorblock ans Netz gehen, und Vertreter russischer Energie-Konzerne denken bereits laut über eine Trasse durch die Ostsee nach - ähnlich wie bei der Gaspipeline Nord-Stream. Die Gasleitung könnte dem Atomstrom außerdem Tür und Tor nach Deutschland öffnen: Bei der Verlegung von Kabeln und Leitungen innerhalb ihrer Korridore ist kein Raumordnungsverfahren mehr erforderlich.

In den vergangenen Wochen befassten sich mehrere "Kleine Anfragen" im Bundestag mit dem Thema "Russischer Atomstrom für Deutschland" . So wollte unter anderem Dorothée Menzner, die für die Linken im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit arbeitet, vom Wirtschafts-Ressort unter Philip Rösler (FDP) wissen, ob es Gespräche auf Regierungsebene oder direkt mit Unternehmen zu russischen Atomstrom-Importen gebe. "Ja", antwortete Röslers Ressort, bei Regierungskonsultationen habe die russische Seite das Thema angesprochen. "Es wurde eine Prüfung auf Arbeitsebene zugesagt", so das Berliner Ministerium. Auch das Projekt einer Stromleitung durch die Ostsee sei beim Bundeswirtschaftsminister bekannt.

Fakt ist, dass in Kaliningrad, der russischen Enklave an der Ostsee zwischen Litauen und Polen, mit Hochdruck an einem sehr leistungsfähigen Kernkraftwerk gebaut wird. Dieses wird weit mehr Elektroenergie liefern, als das Gebiet rund um Kaliningrad benötigt. Den russischen Planungen nach stünden etwa 3600 Megawatt für den Export zur Verfügung. Russland macht keinen Hehl aus der Absicht, den Atomstrom in das europäische Stromnetz zu exportieren. In einer EU-Liste "Eingereichter, potentieller Projekte von gemeinsamem Interesse in die europäische Energieinfrastruktur Strom" findet sich ein Projekt für 560 Kilometer Untersee-Kabel und 20 Kilometer-Landkabel unter dem Namen "power transfer" nach Deutschland. Es ist für das Jahr 2018 geplant.

Wenn 2016 der 2300 Megawatt-Block des Kaliningrader Kernkraftwerks ans Netz geht, könnte bald russischer Atomstrom unter der Ostsee hindurch in die EU-Netze fließen - via Greifswald-Lubmin, Rostock-Bentwisch oder einen anderen Punkt an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Der russische Strom wäre etwa um die Hälfte billiger als in Deutschland produzierter Strom aus erneuerbaren Energien oder aus konventioneller Erzeugung. Der Chef des größten Stromexporteurs Boris Kowaltschuk sagte damals ganz offen: "Deutschland ist durch die Energiewende ein sehr interessanter Markt für uns. Wir können helfen, die Lücke, die Deutschland durch den Atomausstieg in der Stromproduktion bekommen wird, zu schließen." Und es gäbe den idealen Transportweg. So wie die Gasleitung russische Gasfelder direkt mit Deutschland verbindet, könnte Westeuropa mit einer Stromleitung an Kaliningrad angeschlossen werden, stellte sich der russische Manager vor. Aus Dokumenten, wie dem Raumentwicklungsplan MV kann man herauslesen: Möglich wäre dieses ohne weitere Genehmigungsverfahren oder Zustimmung des Landes im Huckepack der Nord-Stream-Leitung.

Und der schöne Öko-Strom aus Ostsee-Offshore-Anlagen? Dessen Anbieter müssten sich höchstwahrscheinlich hinten anstellen, wenn es um die Einspeisung ihrer regenerativen Energie in norddeutsche Netze ginge, deren Aufnahmekapazitäten begrenzt sind. Wenn es so käme, könnte statt frischer, sauberer Windenergie von der Ostsee billiger russischer Atomstrom zu den deutschen Verbrauchern fließen, die ja eigentlich ihre Regierung zur Energiewende und den Verzicht auf Kernkraft vergattert haben. Und das würde sich auch noch auf der Stromrechnung niederschlagen. Deutsche Verbraucher müssten draufzahlen, da die Ausfälle der Offshore-Windmüller durch Nichtabnahme nach der aktuellen Gesetzeslage auf die Strompreise umgelegt würden. Die postulierten Ziele des Landes MV, einerseits Vorreiter bei den erneuerbaren Energien in Deutschland zu sein, anderseits Lubmin als "nicht auf Kernspaltung beruhender Energieerzeugungsstandort zu sichern und auszubauen", wären nicht viel mehr als ein Stück Makulatur. Die zuständigen Schweriner Ministerien für Wirtschaft - Harry Glawe (CDU) - beziehungsweise Energie und Infrastruktur - Volker Schlotmann (SPD) - hüllen sich zu diesem Thema in Schweigen. Vielleicht wurden die Anfragen aber auch nur wegen der Weihnachtsferien noch nicht beantwortet.

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