Zwei Seelen wohnen in der Brust der Tourismus-Branche : Atommüll sorgt für volle Hotelzimmer

Atomkraftgegner demonstrierten an der Strecke auch mit Plakaten.  dpa
Atomkraftgegner demonstrierten an der Strecke auch mit Plakaten. dpa

Zumindest der eine oder andere Hotelier in Vorpommern kann dem geplanten Atom-Transport zum Zwischenlager Nord nahe Lubmin etwas Positives abgewinnen: Insgesamt 2400 Betten benötigen die Einsatzkräfte.

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15. Februar 2011, 06:10 Uhr

Lubmin/Rostock | Zumindest der eine oder andere Hotelier in Vorpommern kann dem für heute geplanten Atom-Transport von Karlsruhe zum Zwischenlager Nord (ZLN) nahe Lubmin auch etwas Positives abgewinnen: Insgesamt 2400 Betten benötigen die Einsatzkräfte, geht aus dem Polizeikonzept hervor, das jetzt im Internet aufgetaucht ist. Die Stadt Rostock hat die Unterlagen auf ihr Bürgerinformationssystem als Anlage zum Thema "Sonder schutzplan für Transportunfälle mit hochradioaktiven Stoffen" gestellt. Die Unterbringung der Polizisten solle zu 100 Prozent in Hotels und Pensionen erfolgen, heißt es. Wie viel das den Steuerzahler kostet, wollte die gemeinsame Pressestelle von Landes- und Bundespolizei, die eigens für den Transport eingerichtet wurde, gestern nicht offenlegen: "Das geben wir bekannt, wenn die Rechnung fertig gemacht ist", sagte ein Sprecher auf Nachfrage.

"Die 14 Tage im umsatzschwachen Februar bringen ein bisschen Geld in die Kasse einiger Kollegen", räumt unumwunden der Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Ostvorpommern, Peter Drechsler, ein. Der örtliche Dehoga-Chef findet ohnehin, dass man den Energiewerken Nord, die das ZLN betreiben, zugestehen sollte, "Geld zu verdienen". Investitionen, die der Region helfen, seien herzlich willkommen - außer neue Betten, von denen es genug gäbe. Auch über das - mittlerweile gescheiterte - Kohlekraftwerk bei Lubmin hätte man sich gefreut - allein schon wegen der 14 Millionen Euro an Steuern, die in der Region geblieben wären. "Wir verteufeln die Industrie - aber die EWN zählen 50 000 Besucher im Jahr, das ist schon eine Hausnummer", sagte Drechsler. Und fügt noch kurz hinzu: "Selbstverständlich sollte man sich an die Verträge halten, die festlegen, dass nur Ost-Müll in Lubmin eingelagert wird. Dass jetzt Abfall aus ganz Deutschland kommt, ist nicht im Sinne des Erfinders."

Letzterem schließt sich auch der Landes-Tourismusverband an. Sprecher Tobias Woitendorf geht aber noch weiter: "Lubmin darf nicht in einem schleichenden Prozess zum Endlager werden." Der für heute geplante Transport selbst sorge sicherlich nicht für ein positives Image, aber Auswirkungen darüber hinaus sehe man nicht für die Branche. Geschäftsführer Bernd Fischer meint zudem, dass "dann auch keine Touristen nach Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein fahren dürften, da es dort sogar noch laufende Atomkraftwerke gibt."

Und die Hoteliers selbst? Heidrun Moritz, die in Lubmin das Hotel zur Seebrücke betreibt, sieht dem Transport mit leichtem Unbehagen entgegen. Bereits über eine Woche vor Anrücken des Zuges sind zwar alle Zimmer ausgebucht. Aber: "Ich hätte lieber Touristen und Dienstreisende als Polizisten und Journalisten", betont sie, gleichwohl die wirtschaftlichen Vorteile nicht zu verachten seien. "Ich glaube trotzdem nicht, dass sich einer der anderen Hotelbesitzer, mich eingeschlossen, deshalb jeden Monat so einen Transport wünscht." Der hinzukommende Atommüll zeuge von einer Entwicklung, die nicht gutzuheißen sei, sagt sie. "Erst kommt was aus Frankreich, nun aus Karlsruhe - allmählich kommt auch die Panik", sagt sie.

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