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Ein Jahr nach massiven Protesten an der Deponie Ihlenberg : Asbestrisiko noch nicht gebannt

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130 000 Tonnen Asbestabfall aus Niedersachsen sollten vor einem Jahr nach Mecklenburg-Vorpommern gekarrt und auf der Deponie Ihlenberg gelagert werden. Massive Bürgerproteste stoppten die umstrittenen Transporte.

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erstellt am 01.Feb.2013 | 08:29 Uhr

Schwerin | Die Umweltgefahren waren kaum abschätzbar: 130 000 Tonnen Asbestabfall aus Niedersachsen sollten vor einem Jahr nach Mecklenburg-Vorpommern gekarrt und auf der Deponie Ihlenberg nahe Schönberg dauerhaft gelagert werden. Massive Bürgerproteste stoppten letztlich die umstrittenen Transporte der hochgradig krebserregenden Fasern auf Europas größte Sondermülldeponie. Auf Druck der Bürger hatte das Landeskabinett in MV die Abfalllieferungen untersagt. Der geplante Transport der Asbestfasern habe gegen das Gefahrgut- und Gefahrstoffrecht verstoßen, urteilte die Landesregierung. Doch trotz der vor einem Jahr verhinderten Gefahrguttransporte ist das Asbestrisiko in Westmecklenburg nicht gebannt.

Auch ein Jahr nach dem Asbestskandal habe sich auf der "Deponie nichts geändert", sagt Hedlef Uilderks von der Bürgerinitiative "Stoppt die Deponie Schönberg". Das Verfahren von damals sei noch "immer die Regel". Alle Gefahren und rechtlichen Bedenken seien dem Land seinerzeit lange vorher bekannt gewesen, meint Uilderks. Stattdessen sei alles schöngeredet worden. Die Transporte seien vom Land letztlich nur deshalb gestoppt worden, weil die Pläne zufällig öffentlich gemacht worden seien und zu massiven Bürgerprotesten geführt habe. Bis zum Schluss habe Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) von einem guten und richtigen Geschäft für die Deponie gesprochen. Mülllieferungen wie damals vorgesehen, "das könnte immer wieder passieren", sagt Uilderks. Nach wie vor gelangten mit Ausnahmegehmigungen gefährliche Abfälle aus aller Welt auf die Deponie, "die dort nicht hingehören. Das ist eine Katastrophe, was dort auf einer landeseigenen Deponie täglich stattfindet."

So werden nach wie vor am Ihlenberg auch asbesthaltige Abfälle deponiert. Etwa 4000 Tonnen allein 2011, teilte Norbert Jacobsen, Prokurist der landeseigenen Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG), auf Anfrage mit. "Ein normales Geschäft." Die Verwendung von Asbest ist in Deutschland wegen der Gesundheitsgefahren seit 1993 verboten. Der Asbestabfall falle unter anderem bei der Gebäudesanierung an, sagte Jacobsen. Allerdings würden die Stoffe in sogenannten BigBags oder in Folie verschweißt sicher angeliefert. Der Asbestmüll aus Niedersachsen sollte ursprünglich als Schüttgut, lediglich mit Planen abgedeckt statt in festverschließbaren Spezialsäcken auf Lastwagen 200 Kilometer nach MV gebracht werden. Er stammt von der 1990 aufgelösten Firma Fulgurit, einst einer der größten Produzenten von Asbesterzeugnissen in Deutschland.

Die dauerhafte Asbestlagerung am Ihlenberg gehört seit Jahren zum Geschäft der landeseigenen Gesellschaft. Allerdings spiele sie nur eine untergeordnete Rolle, sagte Jacobsen. Asbesthaltiger Müll habe 2011 weniger als ein Prozent der im gesamten Jahr angelieferten etwa 400 000 Tonnen ausgemacht, erklärte der Deponiemanager. Auch würden keine neuen Verhandlungen über die Deponierung des Asbestschlamms aus Niedersachsen geführt, versicherte Jacobsen. Alle Vereinbarungen seien "einvernehmlich" gelöst worden.

Nach dem Transportstopp in MV sucht Niedersachsen bislang vergebens nach einer Entsorgungsvariante für die gefährliche Altlast. Es werde nach einer Sanierungslösung vor Ort gesucht, heißt es im Umweltdezernat der Region Hannover - ob Oberflächenabdeckung oder andere innovative Verfahren. Im ersten Quartal des Jahres solle der Auftrag für eine Sanierungsplanung vergeben und voraussichtlich im Herbst die entsprechenden Untersuchungen vorgelegt werden, die mit Experten und der Öffentlichkeit beraten werden sollen. Der Sanierungsplan werde frühestens Ende 2013 vorgelegt. Für das Umweltamt steht aber fest: Es wäre die nachhaltigere Lösung gewesen, dass Material abzutransportieren und auf einer Deponie zu lagern. Auf jeden Fall dürften aber die Steuerzahler mit den Sanierungskosten belastet werden. Die beteiligten Firmen hätten inzwischen Insolvenz angemeldet, auch die Erben des Eigentümers der Fläche könnten nicht in Anspruch genommen werden, hieß es. Das wird teuer: Früheren Angaben zufolge wird mit Kosten von rund drei Millionen Euro gerechnet.

Gefährliche Asbestfasern, Haus- und gewerblicher Müll, giftige Chemikalien: Kritikern zufolge geht von der umstrittenen Deponie Ihlenberg ein unkalkulierbares Risiko aus. Die IAG gilt mit einer Deponiefläche von 113 Hektar als die größte Abfallhalde in Europa.

Seit der Inbetriebnahme 1978 landeten dort rund 17 Millionen Tonnen Müll. Schätzungen zufolge biete die Deponie noch Platz für etwa acht Millionen Tonnen Müll. Für die restliche Laufzeit der Deponie gehen Fachleute von jährlich im Schnitt 450 000 Tonnen Müll aus, die eingelagert werden - damit würde die Kapazität noch gut 25 Jahre reichen. Ein Gutachten hatte 2008 ergeben, dass bei den ehemaligen Mitarbeitern die Krebshäufigkeit um 80 Prozent über dem statistischen zu erwartenden Wert lag. Zuvor hatten bereits Untersuchungen Anfang der 90er-Jahre des Bodens und des Grundwassers Gefahren für Umwelt und Gesundheit ergeben. Zu gefährlich: Die Grünen im Schweriner Landtag forderten deshalb erst vor kurzem die Schließung der Deponie bis 2016. Die gebildeten Rücklagen sollten zur Rekultivierung des Geländes zwischen Schönberg und Lübeck genutzt werden, hatte Grünen-Abgeordnete Jutta Gerkan erklärt.

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