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Wie groß ist die Gefahr in unseren Flüssen? : Arzneimittel-Cocktail belastet Wasser

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In manchen kleinen Flüssen im Nordosten schwimmen mehr Arzneimittelreste als Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Experten fürchten deshalb um die Gesundheit und den Bestand von Fischen, Fröschen und Muscheln.

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erstellt am 01.Jul.2013 | 07:19 Uhr

Schwerin | In manchen kleinen Flüssen Mecklenburg-Vorpommerns schwimmen mehr Arzneimittelreste als Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Experten fürchten deshalb um die Gesundheit und den Bestand von Fischen, Fröschen und Muscheln. Allerdings ist die Wirkung des medizinischen Cocktails insgesamt wenig erforscht. Das Landesamt für Umwelt, Natur und Geologie (LUNG) wird deshalb im Rahmen eines bundesweiten Projekts Brassen fangen und auf Arznei-Rückstände untersuchen.

Besonders in der Nähe kleiner Kläranlagen auf dem Land hat das LUNG in den vergangenen Jahren Reste von Beruhigungs- und Schmerzmitteln, von Antibiotika und Antibabypillen gefunden. Mehrere Messwerte lagen über den von der Bund-Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) empfohlenen Qualitätsnormen. Neue Proben sind noch nicht komplett ausgewertet. Aber LUNG-Direktor Harald Stegemann geht davon aus, dass "von einer Zunahme der Befunde" auszugehen ist. Möglicher Grund könnte die demographische Entwicklung sein. Die Landbevölkerung wird immer älter - und braucht im Schnitt mehr Medikamente.

Stegemann gibt Entwarnung für Angler. Die meist kleinen Mengen sind für Menschen ungefährlich. Aber für Fische und Muscheln können sie ziemlich ungesund sein. "Sie reagieren viel empfindlicher als der Mensch", sagt LUNG-Experte Alexander Bachor. Auch Arzneien, die im Wasser kaum messbar sind, können sich in Fischlebern oder Nieren ansammeln. Das will Bachor bei den Brassen überprüfen.

Im Forschungslabor hat Werner Kloas vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei gezeigt, dass Bestandteile von Verhütungsmitteln, so genannte Gestagene, Kaulquappen daran hindern können, sich zum Frosch zu entwickeln. Diese Hormone können auch dazu führen, dass Fische und Muscheln "verweiblichen". Ein bestimmtes Schmerzmittel schädigt offenbar die Nieren von Fischen. Ein menschliches Beruhigungsmittel macht Barsche risikobereiter - und lässt sie zur leichten Beute anderer Fische werden. Insgesamt aber, so Kloas, steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. "Wir haben viele Messwerte, aber nicht genug Studien, wie die Substanzen wirken." Brassen seien dafür ein lohnendes Forschungsobjekt.

Die Arznei-Rückstände gelangen über die Toiletten ins Abwasser. Entweder werden die Pillen von den Patienten nicht vollständig "verarbeitet" - oder sie werden ungenutzt ins Klo gespült. Kleinere Klärwerke können meist die Reste nicht vollständig aus den Abwässern filtern. Jens Flaig vom Abwasserzweckverband Hagenow erwartet wissenschaftlich abgesicherte Vorgaben vom Land, bevor er technisch nachrüstet: "Auf blauen Dunst können wir keine hohen Investitionen vornehmen."

Der Schweriner Umweltminister Till Backhaus (SPD) hat die Arzneimittelrückstände inzwischen zum Thema der Umweltministerkonferenz gemacht, da ein Alleingang für Mecklenburg-Vorpommern nichts bringe. Aber bis die Bundesregierung, die Europäische Union, die Pharma-Unternehmen und die Klärwerksbetreiber an einem Strang ziehen, wird es noch dauern. Solange Apotheken nicht zur Rücknahme verpflichtet sind, können vor allem die Nicht-Verbraucher dafür sorgen, dass weniger Medikamente ins Abwasser gelangen. Denn ungenutzte Pillen gehören nicht in die Toilette, sondern in den Hausmüll.

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