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Sammler Christoph Müller : "Artisten der Linie"

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Die Quellen des Sammlers scheinen unerschöpflich. Vor fünf Jahren schenkte er seine Zeichnungen dem Kupferstichkabinett in Berlin. Im Oktober 2013 will er 169 Gemälde dem Staatlichen Museum Schwerin vermachen.

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erstellt am 17.Apr.2012 | 10:21 Uhr

Köln | Die Quellen des Sammlers scheinen unerschöpflich. Vor fünf Jahren schenkte Christoph Müller seine Zeichnungen dem Kupferstichkabinett in Berlin. Im Oktober 2013 will er 169 Gemälde dem Staatlichen Museum Schwerin vermachen. Zu beiden Häusern hat er lange Kontakte. Oder wie der frühere Verleger des Schwäbischen Tagblatts es selbst ausdrückt: "Schwerin umkreise ich - und Schwerin umkreist mich - nun schon seit fast 15 Jahren."

Zwischendurch beglückte er (ganz kurzfristig) das Wallraf-Richartz-Museum in Köln aus Anlass dessen 150. Jubiläums im vergangenen Jahr mit 108 druckgraphischen Blättern seiner Niederländer-Sammlung. Die sind nun in der Ausstellung "Artisten der Linie" in der Domstadt zu sehen. Ergänzt durch noch einmal so viele Werke der hauseigenen Sammlung. Ein Appetithappen für alle, denen die Zeit bis 2013 zu lang wird. Die sich, sozusagen, schon mal einen zarten Vorgeschmack holen, auf das, was da bald nach Schwerin kommen wird.

Warum Müller überhaupt noch so viele Grafiken hat? Weil er mit Berlin die Vereinbarung traf, Blätter, die dort schon vorhanden waren, nicht in die Hauptstadt zu geben. Sind in Köln also Doubletten zu sehen? Ja, aber was für welche! Die bedeutendsten Blätter des 16. und 17. Jahrhunderts besaß das Kupferstichkabinett Berlin bereits. Sie blieben demnach im Besitz des Sammlers und schmücken auf weinroten sowie lindgrünen Wänden jetzt das Wallraf-Richartz.

Nukleus der von Silke Tofahrn kuratierten Schau ist der in Bracht geborene Hendrick Goltzius (1558-1617), den Köln als den ersten "Metakünstler" der frühen Neuzeit feiert. Gelernt hat er sein Handwerk bei Dirck Volkertsz Coornhert in Haarlem als Reproduktionsstecher. Doch das Kopieren von Gemälden anderer ist ihm bald nicht genug. Er will nicht nur ein Spiegel der Kunst sein. Ich mach mein Ding, sagt er sich, und beginnt ganz im Sinne des Verfahrens der Nachahmung (imitatio) und Überbietung (aemulatio) eigene Ideen mit einzubringen.

Auf den Verfahrensweisen von Albrecht Dürer, Lucas van Leyden oder Cornelis Cort baut er auf und versucht sich als Artist der Linie zu profilieren. Dabei versteht er, sich zu vermarkten. 1542 gründet er seinen eigenen Verlag. Ein Jahr später mit Cornelis van Haarlem und Karel van Mander die Haarlemer Akademie. Auf Blättern preist Goltzius sich selbst mit Worten, was für "ein wundervoller Stecher und Bilderfinder" er sei. Sein Freund Karel van Mander übernimmt diese Formulierungen fast wörtlich in seinem "Schilder-Boeck", jener nach dem Vorbild von Vasaris "Viten"" publizierten Sammlung von Künstlerbiographien der Niederlande. Eine Hand wäscht die andere.

Als Goltzius nach Haarlem kommt, hat die Malerei dort noch den selben Stellenwert wie das Handwerk. Maler gehören der gleichen Gilde an wie Kesselflicker. Durch das Können von Goltzius und Konsorten ändert sich das allmählich. Nicht nur von Gemälden und Zeichnungen lässt er sich inspirieren. Auch die Skulpturen Michelangelos dienen ihm als Vorbild. Die Schau in Köln vollzieht diesen "Wettstreit der Künste" anschaulich nach.

Bald hat Goltzius so große Fertigkeit erreicht, dass er sich selbst einen Spaß daraus macht. Er stellt ein Meisterblatt her, brennt das Monogramm heraus und verkauft es anschließend als "echten Dürer". Die Experten gehen ihm prompt auf den Leim. Sogar als sein eigener Geselle soll sich Goltzius verkleidet haben, um unerkannt zu bleiben und von den "Fachleuten" zu hören, das Blatt könne unmöglich von diesem "Goltzius" stammen. Es sei viel zu gut für ihn. Dem Künstler bereitet diese "indirekte Anerkennung" seiner Kunst eine geradezu kindliche Freude.

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