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Kein Grund zur Entwarnung für den Nordosten : Armutsrisiko geht deutlich zurück

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Sie ist innerhalb von drei Jahren um ein Viertel gesunken: die Kinderarmut in MV. Zwar geht das Armutsrisiko für unter Dreijährige deutlich zurück. Das trägt jedoch nicht zur Entschärfung der Situation im Land bei.

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erstellt am 21.Okt.2012 | 07:06 Uhr

Schwerin | Sie ist innerhalb von drei Jahren um ein Viertel gesunken und bleibt dennoch ein Thema in Mecklenburg-Vorpommern: die Kinderarmut. Zwar geht statistisch gesehen das Armutsrisiko für unter Dreijährige deutlich zurück. Das trage jedoch nicht zur Entschärfung der Situation im Land bei, meinen Politik und Verbände. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sank die Armutsquote der Kinder unter drei Jahren seit 2008 von 37,2 Prozent um fast ein Viertel auf 28,6 Prozent im vorigen Jahr, so die Stiftung gestern. Bundesweit lag die Quote bei 18,2 Prozent. Der Nordosten kommt damit auf den vorletzten Platz der deutschen Flächenländer, nur Sachsen-Anhalt hat noch mehr arme Kleinkinder. Die Stiftung konstatierte allerdings: "Auch in Mecklenburg-Vorpommern hat sich im Dreijahresvergleich viel getan."

Basis der Untersuchung bildeten Zahlen der Statistikämter und Großstädte. Demnach lebten 2010 in Mecklenburg-Vorpommern 12 300 oder 31,2 Prozent der Babys und Kleinkinder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften, die Hartz IV beziehen. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der so aufwachsenden unter Dreijährigen auf 11 200. In Rostock, der einzigen in der Studie berücksichtigten Stadt im Nordosten, ging das Armutsrisiko für Kleinkinder seit 2008 von 39,4 auf 30,3 Prozent zurück. Nur 14 Großstädte bundesweit haben noch eine Quote von mehr als 30 Prozent armer Kleinkinder, wie es hieß. Die Stadt mit der höchsten Quote ist Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen). Dort wachsen laut Studie 40,5 Prozent der unter Dreijährigen in Familien auf, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. Auch die Ost-West-Unterschiede wurden geringer: Seit 2008 hat sich im Osten die Kinderarmutsquote bei unter Dreijährigen von 33,4 auf 25,5 Prozent reduziert. Im Westen verbesserte sie sich von 18 auf 15,8 Prozent.

"Die Situation ist in ihrer Gesamtheit nach wie vor ein Skandal", sagte Landesgeschäftsführer Carsten Spies in Schwerin. Über die Hälfte der armen Kleinkinder in Mecklenburg-Vorpommern lebten bei alleinerziehenden Müttern. Mehr bezahlbare Betreuungsplätze müssten geschaffen werden, so Spies. Geld dafür könnte vom Bund aus dem fehlgeschlagenen Teilhabe- und Bildungspaket umgeschichtet werden. "Nur mit einem Krippenplatz können Alleinerziehende der Hartz-IV-Schleife entkommen", sagte er.

Auch Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) warnte: "Man darf nicht zufrieden sein, solange in Deutschland noch ein Kind von Armut bedroht ist." Kinderarmut sei meist das Ergebnis von Elternarmut, erklärte sie. Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, müssten dafür endlich einen anständigen Lohn erhalten. Daher fordere sie seit Langem einen gesetzlichen Mindestlohn. "Wenn Eltern ausreichend Geld verdienen, gibt es auch weniger arme Kinder", sagte Schwesig. Auch in Kitas müsse weiter investiert werden. Zwar würden im Nordosten bereits die Hälfte der Kinder unter drei Jahren betreut. Doch mit einer weiter steigenden Nachfrage nach Krippenplätzen sei zu rechnen.

Der Vorsitzende des Schweriner Tafelvereins, Peter Grosch, kann die Aussage der Studie nicht nachvollziehen. "Ich kann nicht von einer Entwarnung sprechen", so Grosch. Bei den Tafeln gehe die Nachfrage kontinuierlich nach oben. Immer mehr Alleinerziehende kämen mit ihren Kindern und Babys zu den Ausgabestellen, beobachtet Grosch. "Gerade die sehr jungen, weniger gut ausgebildeten Mütter sind mit der Betreuung ihrer Jüngsten oft überfordert", so der Vereinsvorsitzende. Auch in Schwerin lebe jedes dritte Kind in Armut, so Grosch. Drei Kindertafeln versorgten in der Landeshauptstadt pro Woche rund 800 Kleinkinder und Schüler mit Frühstück, Mittagessen und Nachmittagsimbiss. Viele alleinstehende Mütter fänden trotz Fachkräftemangels keinen auskömmlich bezahlten Job, weil während ihres Schichtdienstes niemand auf die Kinder aufpassen könne. Da sei auch die erste 24-Stunden-Kita in Schwerin nur ein Tropfen auf den heißen Stein, meinte Grosch.

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