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Bürgerkrieg in der Ukraine : Armut, Schusswesten und Krebs

vom
Aus der Onlineredaktion

26 Kinder aus der Ukraine sind derzeit in Schwerin zu Besuch. Hier sollen sie die Probleme aus ihrer Heimat vergessen und Energie tanken

Anastasija kann wieder lächeln. Ihr Vater ist zurückgekehrt von seinem Einsatz in der Ostukraine an der Front. Er hätte schwere Brandverletzungen an seinem Arm erlitten. Was genau passiert ist, weiß die Zwölfjährige nicht. „Mein Vater redet mit mir nicht über die Ereignisse. Nur mit Mama“, sagt Anastasija. Sie wüsste von ihm nur so viel: „Es ist schlimmer als das, was in den Medien gezeigt wird, sagt er.“

Anastasija ist eins von 26 Kindern aus der Ukraine, die derzeit auf Einladung der niedersächsischen Stiftung „Hof Schlüter“ in Deutschland zu Besuch sind. Jedes hat sein eigenes Schicksal. 14 der Jungen und Mädchen warten noch immer darauf, dass ihre Väter von dem bewaffneten Konflikt zwischen russischen und ukrainischen Truppen zurückkehren.

Gestern besuchte die Gruppe das Schweriner Schloss und das Museum der Freiwilligen Feuerwehr in Schwerin. Anschließend grillte sie am Lankower See.

„Hier können die Kinder die Probleme ihres Zuhauses vergessen. Sie sind abgelenkt“, sagt Iryna Yakubenko. Die Deutsch-Lehrerin aus der Ukraine begleitet zum sechsten Mal Mädchen und Jungen aus der Stadt Bila Zerkwa nach Deutschland. Es ist der Höhepunkt ihrer sechswöchigen Reise. Dabei geht es darum, die Kinder aus der grausamen Realität herauszuholen, sie Energie tanken zu lassen. Seit 2001 organisierte die Stiftung „Hof Schlüter“ bereits solche Fahrten. Jedes Mal geht es auch nach Schwerin. Hier können die Kinder spielen, Spaß haben, abschalten und für einen kurzen Moment alles vergessen.

„Ich habe schon Heimweh“, sagt Wiktorija. „Zuhause ist meine Familie und meine Sprache. Aber ich würde auch noch ein bisschen bleiben.“ Die Städte in Deutschland sähen aus wie aus einem Museum, findet sie. Alles sei so historisch. Doch innen sei alles so modern – anders als daheim. Auch Wiktorijas Vater war an der Front. „Er hat sich verändert“, sagt die Elfjährige. Früher sei er weich und offen gewesen. Hätte viel gelacht. „Jetzt reagiert er ganz anders. Oft geht er weg und sagt nicht, wohin.“

Zwei Stunden braucht man mit dem Flugzeug bis nach Kiew – mehr nicht, sagt Peter Novotny. „Dann ist man in einer anderen Welt.“ Die Armut in der Ukraine sei groß. Die Konflikte im Osten hätten die Lage noch verschlechtert. Jedes Jahr fährt er in das Land, organisiert Spendentransporte – allein neun 40-Tonner im vergangenen Jahr – und hilft, wo er kann. 1991 rief Novotny die Stiftung „Hof Schlüter“ ins Leben. Seit 2004 helfen er und seine Organisation auch in Bila Zerkwa. Die Stadt mit 200 000 Einwohnern liegt südlich von Kiew. Noch heute sind hier die Spätfolgen des GAU von Tschernobyl zu spüren. Viele Kinder erkranken an Leukämie, bekommen Krebs. Dazu kommt die Armut, der Konflikt im Land. Eine andere Welt: Eine 14-köpfige Familie in einer Zweiraumwohnung, Menschen, die in Polen schusssichere Westen für ihre Angehörigen an der Front kaufen, Krankenhäuser, die ihre Patienten oder deren Familienmitglieder selbst losschicken, um Medikamente und Geräte für die nötige Behandlung zu besorgen – dies alles passiere nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt. Die Situation sei schlimmer geworden, meint auch Volkbert Keßler. In Schwerin übernimmt er seit acht Jahren die Organisation für die Kinder. Im Frühjahr besuchte er sie und ihre Familien in ihrer Heimat. „Ich habe den Eindruck, die Kinder sind dieses Mal nicht so ausgelassen. Sie kommen nicht so aus sich heraus, wie sonst“, sagt Keßler. Doch er ist sich sicher: Langsam werden sie zutraulicher.

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erstellt am 19.Jul.2016 | 12:00 Uhr

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