Armer Rebell, reicher Poet

Fritz Reuter (Matthias Brenner) liebte sein Pfeifchen und einen guten Schluck über alles. Foto: NDR
Fritz Reuter (Matthias Brenner) liebte sein Pfeifchen und einen guten Schluck über alles. Foto: NDR

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05. November 2010, 07:17 Uhr

Stavenhagen Fritz Reuters bekannteste Werke wie die „Stromtid“, „Ut mine Festungstid“, „Kein Hüsung“, „Ut de Franzosentid“, „Hanne Nüte“, „Dörchläuchting“ und nicht zuletzt die unverwüstlichen „Läuschen un Rimels“ erschienen zu seinen Lebzeiten in Riesenauflagen und fanden in allen deutschen Landschaften (auch den nicht plattdeutsch sprechenden) eine begeisterte Leserschaft. Und es ist erstaunlich, wie viel von dieser Popularität sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
Dem Lebensweg dieses bedeutendsten niederdeutschen Dichters hat der NDR aus Anlass dieses runden Geburtstages eine 30-minütige Dokumentation gewidmet und sie unlängst im Schweriner Landesfunkhaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Eingeleitet und abgeschlossen wurde diese neudeutsch als „Preview“ annoncierte Voraufführung von Mitgliedern der Fritz Reuter-Bühne mit Ausschnitten aus ihrem Programm „Mit Veriehrung, Dr. Reuter“, mit dem sie auch morgen bei der festlichen Geburtstagsfeier in Stavenhagen dabei sein werden. Für Arja Sharma, Elfie Schrodt, Ulrike Stern, Andreas Auer, Knut Fiete Degner und Sönke Fahl gab es reichlich Beifall.

Ein nicht unbedingt geradliniger Lebensweg
Der Film, Titel „Fritz Reuter: armer Rebell & reicher Poet“ , beschreibt einen nicht unbedingt geradlinigen Lebenslauf. Der junge Reuter ist kein Musterknabe. Der im mecklenburgischen Stavenhagen geborene Fritz „glänzt“, obgleich vielseitig talentiert, als schwieriger Gymnasiast in Friedland und Parchim. Und auch dem nicht sonderlich lernbeflissenen, dafür aber rebellischen Studiosus und Burschenschafter in Jena hätte wohl niemand eine große Zukunft voraussagen mögen.

Denn zunächst (1833) wird er in Preußen im Zuge der so genannten Demagogenverfolgungen verhaftet, 1836 zum Tode verurteilt und fast zeitgleich zu 30-jähriger Festungshaft „begnadigt“. 1840 darf er endlich die mecklenburgische Festung Dömitz verlassen. Auch da ist noch nicht absehbar, dass ihn sein weiterer Lebensweg über den Landwirtschaftslehrling (Strom) und Hauslehrer bis auf den Parnass der plattdeutschen Dichtung führen würde, auf dem er bis zu seinem Tode am 12. Juli 1874 als gefeierter und einer der bestverdienenden deutschen Autoren seiner Zeit residieren sollte.

Der Film (Buch von Hans-Jörg Lüdicke) zeichnet den Lebensweg Reuters mit unbedingt sehenswerten Bildern nach. Spielszenen mit sparsamen Texten, die das Ehepaar Reuter im originalen Ambiente der Eisenacher Reuter-Villa (heute Museum) zeigen, sind quasi das Gerüst des Films. Für die Rollen als Fritz und Luise Reuter konnten der Schauspieler und Hallenser Theaterintendant Matthias Brenner und die auch in Schwerin erfolgreiche Schauspielerin Bärbel Röhl gewonnen werden. Diese Spielszenen wechseln ab mit einer Fülle von sachkundig kommentierten Aufnahmen der einzelnen Stationen dieses unruhigen Lebens, und Kommentare der ausgewiesenen Reuter-Kenner Dr. Arnold Hückstädt und Cornelia Nenz, Direktorin des Fritz-Reuter-Museums Stavenhagen, runden das Ganze ab.
So ziehen in der Dokumentation u. a. Stavenhagen, düstere Festungskasematten, Jabel, Demzin, Roggenstorf, Altentreptow, Neubrandenburg und schließlich Eisenach am Betrachter vorüber. Man erfährt vom ständigen Misstrauen in finanziellen Dingen, das zuweilen nachhaltig das Verhältnis des Autors zu seinem Verleger Dethloff Carl Hinstorff trübt.

Ein Schriftsteller von unbändigem Arbeitsdrang
Der Betrachter erlebt einen Schriftsteller von unbändigem Arbeitsdrang,dessen Schaffen aber immer wieder überschattet wird von Reuters insbesondere seit seiner langjährigen Festungshaft evidenten Alkoholsucht, die ihn immer wieder tagelang niederzwingt, zu Kuren nötigt und deren er bis zum Ende seines Lebens nicht Herr werden kann.

Also vieles über Reuter! Und von ihm? Reuter selbst, seine Texte, seine kräftige reiche Sprache? Diesen Part spielen in der NDR-Doku die Mitglieder der Fritz-Reuter-Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, die sich bei den Proben zu ihrem Reuter-Jubiläums-Programm (Premiere war am 2. Juli im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß, wir berichteten) von Kameras und Mikrofonen begleiten ließen. Sie verleihen dem Film Lebendigkeit, Farbe und die Stimme Reuters, erwecken seine Gestalten zum Leben wie den aus der „Stromtid“ berühmten Entspekter Zacharias Bräsig, oder aus den „Läuschen“ den wild gewordenen Leutnant und seinen Rekruten. Sie singen auch seine Lieder, denn Reuter gehörte seinerzeit nicht nur zu den populärsten Dichtern, sondern auch zu den oft vertonten. Sie zeigen, dass Reuter nicht nur in Deutschland gelesen wurde und wird und wie sich seine Texte auf Italienisch oder Englisch anhören.

Insgesamt ist dieser Film, mit dem der NDR eine Reihe historischer Dokumentationen fortsetzt (so über Wallenstein, Fürst Pribislaw, Caspar David Friedrich, Johann Bugenhagen und die Königin Luise), eine hervorragende Hinführung zu Leben und Werk von Fritz Reuter, geeignet, Interesse zu wecken und dem Niederdeutschen neue Freunde zu gewinnen. Dass er denjenigen, die sich bereits eingehender mit dem Plattdeutschen und seinem prominentesten Dichter beschäftigt haben, kaum Neues bringt, sollte deshalb nicht allzu schwer ins Gewicht fallen.
Reuters Lebensweg endete in Eisenach, er wurde auch dort begraben. Der Film zeigt das Eisenacher Grab nicht. Wozu auch? Denn Reuter wird erst dann so richtig tot sein, wenn ihn keiner mehr liest. Un wiel dat nich so is, ward „uns Fritzing“ ’n’ orrnlich Tid wieder läben.

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