Arme Freunde - kein Kredit

Ein von der Schufa angeschobenes Forschungsprojekt zur möglichen Nutzung öffentlicher Daten aus Sozialen Netzwerken bei der Berechnung der Kreditwürdigkeit ist bei Daten- und Verbraucherschützern auf scharfe Kritik gestoßen. Fotos: Jens Kalaene/Julian Stratenschulte, dpa
Ein von der Schufa angeschobenes Forschungsprojekt zur möglichen Nutzung öffentlicher Daten aus Sozialen Netzwerken bei der Berechnung der Kreditwürdigkeit ist bei Daten- und Verbraucherschützern auf scharfe Kritik gestoßen. Fotos: Jens Kalaene/Julian Stratenschulte, dpa

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08. Juni 2012, 11:32 Uhr

Wiesbaden/Berlin | Die Überlegung der Schufa, bei der Berechnung der Bonität auch Informationen aus Online-Netzwerken wie Facebook zu berücksichtigen, löste eine Lawine der Ablehnung aus. Politiker aller Parteien stellten klar: Mit uns nicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schufa das Profil bei Facebook oder Twitter durchleuchten darf, bevor man sich etwas auf Pump kaufen kann, ist damit gleich null. Die Aufregung im Internet brach gestern Morgen aus. Dabei spielte es kaum eine Rolle, dass die größte Auskunftei Deutschlands eigentlich nur ein Forschungsprojekt am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam gestartet hatte: "Es geht nicht darum, jetzt zusätzliche Datenquellen zu erschließen", versicherte Schufa-Sprecher Andreas Lehmann. Das Forschungsprojekt solle nur klären, ob die Analyse öffentlicher Informationen aus dem Internet sinnvoll und überhaupt rechtlich zulässig sei. Die Äußerungen des Schufa-Sprechers belegen aber auch: Die Schufa macht sich durchaus konkrete Gedanken darüber. Das zeigt auch die Liste mit "Projektideen", die der Radiosender NDR Info veröffentlichte.

Die Fragestellungen, denen das "SCHUFAlab" am Potsdamer HPI nachgehen könnte, haben es zum Teil in sich. Auf der Liste steht auch die Idee, einen Zusammenhang zwischen dem Freundeskreis von Facebook-Mitgliedern und ihrer Kreditwürdigkeit zu erforschen. Könnte man also keinen Kredit mehr bekommen, wenn man bei Facebook zu viele arme Schlucker kennt? Zudem sei die Analyse von Textdaten denkbar, um "ein Meinungsbild zu einer Person zu ermitteln". Unter den "Projektideen" sind auch die Einordnung des Wohnorts, des Arbeitsplatzes und eine Identifizierung der "Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützer und Journalisten".

Ein HPI-Sprecher betonte, der NDR zitiere "eine lange Ideenliste", die aber noch kein Projektplan sei. Für Wissenschaftler dürfe es im Vorfeld eines Projektes keine Denkverbote geben. Nur ein kleiner Teil der Ideen beziehe sich überhaupt auf ausdrücklich personenbezogene Daten. "Der viel größere Teil betrifft Allgemeines, zum Beispiel Bevölkerungsdaten." Die Schufa verteidigt sich, man wisse selbst nicht, ob das gute Ideen seien. "Deshalb auch das Forschungsprojekt", sagt Sprecher Lehmann.

Doch trotz aller Beschwichtigungsversuche gab es von der Politik einen unmissverständlichen Schuss vor den Bug von Schufa und HPI. "Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden", warnte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). "Die Funktion der Schufa ist die Prüfung der Kreditwürdigkeit und dazu müssen die Finanzdaten reichen", erklärte sie im "Münchner Merkur". Eine Front mit ihr bildete Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), die bei "Spiegel Online" abhakte: "Es darf nicht sein, dass Facebook-Freunde und Vorlieben dazu führen, dass man zum Beispiel keinen Handy vertrag abschließen kann."

Doch auch wenn die Politik nun der Schufa das Stopp-Schild zeigt, wird ein grundsätzliches Problem nicht gelöst: Die zur Debatte stehenden Informationen sind längst im Netz verfügbar - nicht nur für die Schufa. Und mit dem Boom der Sozialen Netzwerke werden es mit jedem Tag mehr. "Jeder kann auf diese Daten zugreifen", betont Schufa-Sprecher Lehmann.

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