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Ein Land rüstet ab : Arbeitsplätze statt Kasernendrill

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Truppenabbau ist Herausforderung und Chance für Kommunen . Was wird aus den ehemaligen Militärobjekten?

Ein Land rüstet ab. Am Ende des Kalten Krieges 1990 standen auf dem Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns 130 000 Soldaten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee (NVA) unter Waffen – heute dienen im Land weniger als 11 000 Bundeswehrsoldaten.

Schwerter zu Pflugscharen. Eine Forderung der Friedensbewegung wird Realität. Doch allein die 65 000 sowjetischen Armeeangehörige hinterließen bei ihrem Abzug 1994 in Mecklenburg-Vorpommern 127 Militärobjekte auf einer Fläche, die mit 21 755 Hektar doppelt so groß wie die Müritz ist.

Militärische Liegenschaften in ähnlichen Größenordnungen wurden nach der Auflösung der NVA 1990 und den Strukturreformen der Bundeswehr 2001 und 2011 frei. In Stavenhagen im heutigen Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, wo im nahen Standort Basepohl bis zu 4400 Soldaten stationiert waren, sind die Folgen des Truppenabbaus besonders spürbar. Es gibt nur noch etwa 700 Soldaten in Basepohl, 2016 soll endgültig Schluss sein mit der militärischen Nutzung. Bereits mit der Reform 2001 fiel die Entscheidung gegen den Militärstandort. „Früher hatten wir 9800 Einwohner in der Stadt, heute sind es nur noch 6200“, sagte Peter Ritter, Experte für Konversion in der Linksfraktion des Landtages, der in Stavenhagen wohnt und seinen Wahlkreis dort hat.

Trotz des Bevölkerungsrückgangs gilt der Truppenstandort als Musterbeispiel für die Umwandlung ehemals militärischer Liegenschaften. Denn dort wurde die so genannte „gleitende Konversion“ erfunden, erklärte Ritter, der selbst in Stavenhagen NVA-Offizier war. Ein Teil der Gebäude und Flächen wird bereits zivil genutzt, obwohl ein anderer Teil ist noch militärisch ist.

Inzwishen wurden die von der Bundeswehr freigezogenen Flächen von der Stadtverwaltung überplant und mit Hilfe öffentlicher Mittel infrastrukturell neu erschlossen. Sämtliche Grundstücke sind verkauft. In dem neu entstandenen Gewerbegebiet haben sich mehrere Firmen angesiedelt und es sind rund 90 neue Arbeitsplätze entstanden.

Davon können andere Standorte nur träumen. Gestern fand in Neubrandenburg eine Veranstaltung zum Thema „Militärische Liegenschaftskonversion im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte – eine gemeinsame Herausforderung“ statt. Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) sagte auf der Konferenz: „Wir sind ein gutes Stück vorangekommen. Erfreulich ist, dass das Zusammenspiel zwischen Land, Gemeinde und dem Bund funktioniert.“

Die Region um Neubrandenburg ist von der Bundeswehrreform 2011 besonders betroffen. Insgesamt 1300 Dienstposten fallen weg. Eines der größten Sorgenkinder ist der Militärflughafen Trollenhagen, der im September vergangenen Jahres wegen seiner maroden Landebahn geschlossen wurde. Alle etwa 700 Dienstposten sind gestrichen. Die Stadt Neubrandenburg, der Landkreis und die Gemeinde Trollenhagen wollen als Gesellschafter der Flughafen Neubrandenburg-Trollenhagen GmbH (FNT) den Flugplatz vom Bund kaufen und als sogenannten Verkehrslandeplatz weiter betreiben. „Damit soll die Erreichbarkeit aus der Luft als schlagkräftiges Vermarktungsargument bei der Investorengewinnung für die angrenzenden Gewerbegebiete erhalten werden“, heißt es im Konversionsbericht 2013 der Landesregierung. Das Land hat seit 1991 in den zivilen Teil des Flughafens bereits 11 Millionen Euro an Investitionsbeihilfen gesteckt.

In Rechlin an der Müritz wird in den nächsten Jahren ein Bundeswehrdepot mit 150 Dienstposten geschlossen. Mit finanzieler Unterstützung des Landes in Höhe von 45 000 Euro hat die Gemeinde ein Konversionskonzept in Auftrag gegeben, das Ideen für die gewerbliche und touristische Nutzung entwickelt.

Der 6000 Hektar große Truppenübungsplatz Lübtheen wurde im Juni vergangenen Jahres geschlossen. 60 Arbeitsplätze gingen verloren. Der Landtag will den Truppenübungsplatz in Südwestmecklenburg dem Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe“ angliedern. Doch noch konnten sich der Bund als Eigentümer der Liegenschaft und das Land nicht auf einen Kaufpreis einigen. Inwieweit die Gemeinde Lübtheen die Kasernenflächen für eine Nutzung als Gewerbegebiet übernehmen will, ist noch nicht entschieden.

Dabel: Neues Werk erzeugt Dauerholz nach Patent

Die Bundeswehr verließ die Moltke-Kaserne in Dabel (Landkreis Ludwigslust-Parchim) Ende 2006. Mit der Dauerholz AG siedelte sich auf dem Gelände ein neuartiges Unternehmen an, das 2009 den Probebetrieb aufnahm und 2011 das erste volle   Produktionsjahr verzeichnete.  Nach einem patentierten Verfahren, das eigenen Angaben zufolge weltweit einmalig ist,  wird  heimisches Holz bis in den Kern hinein mit Paraffin, einem Wachs ähnlichen Stoff, getränkt. Es  soll dadurch  Härte und Haltbarkeit von Tropenhölzern erreichen, überwiegend gedacht als Terrassen- und Fußbodendielen, aber auch für Spielgeräte, Parkbänke oder selbst  Seebrücken.  Dauerholz investierte knapp zehn Millionen Euro in den Aufbau des Werkes, zu einem Viertel vom Land gefördert, und beschäftigt heute mehr als 50 Mitarbeiter.

Schwerin: Firmen nutzen jetzt die Blücher-Kaserne

Die Nationale Volksarmee (NVA) hat den heute als Blücher-Kaserne bekannten Komplex im Schweriner Waldgebiet Stern Buchholz 1956 bezogen. Nach der Wende übernahm die Bundeswehr die Anlage, die  1993 in „Blücher-Kaserne“ umbenannt wurde. Die Anzahl der dort stationierten Soldaten nahm stetig ab. 2007 wurde die letzte in Stern Buchholz verbliebene Einheit aufgelöst, das in der Blücher-Kaserne stationierte Panzerbataillon 403. Das 105 Hektar große Gelände mit mehreren Gebäuden, einer Schwimmhalle und einer Tankstelle wurde 2010  für 1 105 000 Euro versteigert. Damit war das Achtfache des Einstiegsgebotes gezahlt worden. Der Käufer sei eine Schweriner Gesellschaft aus der Branche der regenerativen Energie. Der Standort wirt seitdem von Firmen genutzt.

Ludwigslust: Leben und Lernen auf dem Garnisonsgelände

Von 1837 bis 1992 war das Garnisonsgelände an der Kollwitz-Straße in Ludwigslust fast durchgehend militärisch genutzt worden. Bis 1992 waren die Pioniere einer Mot-Schützen-Division der Sowjetarmee dort stationiert. Zurückblieben neben alten Gebäuden mehr als 110 belastete Stellen, überwiegend Verunreinigungen mit Mineralöl von Tankstelle, Waschrampen und Werkstätten. In Sanierung, Erschließung und Umbau auf städtischen Flächen (weitere gehören dem Landkreis bzw. dem Land) flossen bis Ende 2006 etwa 14 Millionen Euro. Aus dem Hospital wurden Wohnhäuser, aus Kasernen  das Gymnasium und aus der Reithalle die Stadthalle. „Das einstige Garnisonsgelände hat sich zu einem eigenständigen modernen Stadtteil entwickelt“, sagt Bürgermeister Reinhard Mach. „Von den ehemaligen Militärliegenschaften ist heute kaum noch etwas zu sehen.“

Goldberg: Braches Militärgelände am Goldberger See

Ein negatives Beispiel für Konversation: Auf dem ehemaligen NVA-Gelände des 8. Panzerregiments Artur Becker in Goldberg (Landkreis Ludwigslust-Parchim) sollte eigentlich ein Freizeitpark entstehen. Spaß für Familien, Touristen und die Goldberger selbst stand an. Der Eigentümer dieses Geländes hatte eine Investition von rund 125 Millionen Euro und 300 neue Jobs geplant. Ein Spaßpark  mit Wasserparadies, Piratenstadt und Goldgräbermine  sollte entstehen. Doch das Oberverwaltungsgericht Greifswald kippte im vergangenen Jahr das Vorhaben und entschied, dass die Pläne für den Park unzulässig sind. Seitdem geschieht nichts auf dem ehemaligen militärischen Gelände.  „Wir haben keinerlei Angaben, wie es dort weitergeht und welche Pläne der Eigentümer hat“, sagt Goldbergs Bauamtsleiter Gerd Wüster.

Demen: Pilotprojekt an der Warnow geglückt

Die Umwandlung der   Warnow-Kaserne  bei Demen  (Landkreis Ludwigslust-Parchim) in einen  Gewerbepark galt als Pilotprojekt  in MV. Der damalige Ministerpräsident  Harald Ringstorff  feierte die Projektvorstellung im  Frühjahr 2008    mit Investoren   und  hunderten Schaulustigen.  Firmen aus der Gemeinde sind es, die das Projekt umsetzten: Auf dem mehr als 50 Hektar großen Areal sind Serviceunternehmen für die Landwirtschaft,  Veranstaltungsräume, Übernachtungsmöglichkeiten  und Büros zu finden.  „Die Gemeinde profiert  nicht nur von den rund 100 geschaffenen Arbeitsplätzen, sondern auch von  der Gewerbesteuer“, betont  Bürgermeister Thomas Schwarz. Gebaut wurde die Kaserne  in den 1970er-Jahren für Raktentruppen der NVA.  Die Bundeswehr stationierte hier Logistikeinheiten, die 2006 abzogen. 

Rostock: Ehemalige Kaserne ist heute Uni-Campus

Wo früher exerziert wurde, machen heute Studenten ihren Abschluss. In der Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten   Rostocker Infanteriekaserne in der Ulmenstraße 69 lehrt heute die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Rostock. Das erste und dritte Bataillon des Großherzoglichen Mecklenburgischen Füsilierregiments  waren zur Kaiserzeit in der Kaserne untergebracht. Später gehörte das Gelände der NVA. Am 4. Oktober 1964 wurde der Komplex in Fiete-Schulze-Kaserne umbenannt. Auf dem Gelände gab es ein Stabsgebäude, Exerzierhaus, Arrestgebäude, Latrine, Wirtschaftsgebäude sowie einen Exerzierplatz.  Auf dem Exerzierplatz stehen heute zwei gläserne Hörsäle. Zuletzt wurde 2011 der Arno-Esch-Hörsaal für 4,1 Millionen Euro gebaut.

 

 

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erstellt am 10.Jan.2014 | 08:48 Uhr

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