Mühlentag 2017 : Arbeiten wie vor hundert Jahren

Detlef Preuß führt die Holländerwindmühle in Altkalen bereits in dritter Generation.
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Detlef Preuß führt die Holländerwindmühle in Altkalen bereits in dritter Generation.

Detlef Preuß ist einer der letzten Müller in Mecklenburg-Vorpommern. Hauptberuflich lohnt sich die schwere Arbeit für ihn jedoch nicht

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05. Juni 2017, 05:00 Uhr

Über so alltägliche Dinge wie Mehl macht sich die Mehrheit der Menschen eher selten Gedanken. Dabei begegnet die Mühle uns seit Kindertagen recht häufig: Sei es die klappernde Mühle am Bach, die Wanderslust des Müllerburschen oder aber die kluge Müllerstochter.

Echte Müller bekommt man inzwischen jedoch nur selten zu Gesicht. Und auch von den Mühlen, die vor langer Zeit das Bild der Landschaft prägten, sind nur noch sehr wenige erhalten. Eine von ihnen ist die Holländer-Windmühle in Altkalen. Sie wird seit 1896 von der Familie Preuß verwaltet und betrieben. „Mein Urgroßvater Gustav hat die Mühle damals für 16 000 Reichsmark vom Vorgänger erworben“, erklärt Detlef Preuß die Historie des Baus. „Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass man damals ein Glas Schnaps für gerade mal zehn Pfennige bekommen hat.“ Von da an war die Mühle im Familienbesitz. Leicht machte sie es ihren Besitzern jedoch nicht. Als Detlefs Großvater die Mühle übernommen hatte, kam es zu einem verheerenden Blitzschlag, der das Gebäude 1913 komplett abbrennen ließ. Für Großvater Rudolf Preuß jedoch noch lange kein Grund aufzugeben.

Kurzerhand erwarb er eine neue Mühle in Wittenförden, die er dann abbauen, mit Pferdewagen transportieren und in Altkalen wieder aufbauen ließ. „Das war wohl günstiger als ein Neubau“, vermutet sein Enkel heute. Der Großvater betrieb die Mühle durch den Zweiten Weltkrieg hindurch – 1945 übernahm Detlefs Vater Fredi. Als Großkunden hatte er seinerzeit die LPG und stellte somit Futtermittel für alle Tiere der Umgebung bereit.

So rückte auch Detlefs Zeit, die Mühle zu erben, immer näher. Doch sofort hat der heute 50-Jährige sich nicht für das Müllerhandwerk entschieden. „Ich bin gelernter Schmied. Doch als mein Vater 1988 verstarb, musste ja jemand die Mühle übernehmen“, sagt er. Verkaufen an die LPG kam nicht in Frage. So beschloss er, noch mal eine Lehre zum Müller in Potsdam zu machen – für die Zeit half ein ehemaliger Kollege des Vaters in der Mühle aus.

Bis zur Wende 1990 belieferte Preuß dann weiter die LPG. Jahre, die der alten Mühle zu schaffen machten. „Sie war damals in einem erbärmlichen Zustand“, erinnert sich der 50-Jährige. Lange hätte sie wohl nicht mehr gestanden, hätte es nach der Wende nicht so üppige Fördermöglichkeiten gegeben. „Ich hatte großes Glück, dass die Mühle in Familienbesitz lag. So konnte ich schnell und sehr einfach an Fördermittel kommen“, sagt Preuß. Die Behörden wären damals ihr Geld nur schwerlich losgeworden, da es nur wenige Projekte ohne Hindernisse gab. Davon profitierte die Mühle in Altkalen und wurde bis 2004 komplett saniert – natürlich historisch korrekt. Wie viele Hunderttausende von Euros bis heute in die Mühle geflossen sind, weiß Detlef Preuß nicht genau. Aber es bewegte sich sicher im hohen sechsstelligen Bereich. Ab Mai 2005 hat die Mühle dann erstmals wieder produziert – als einzige Windmühle in ganz MV.

Heute stellt sie aber keine Futtermittel für Tiere mehr her, sondern nur bestes Bio-Mehl aus Weizen, Dinkel und Roggen. Pro Jahr mahlt Detlef Preuß zwischen sechs und zehn Tonnen Mehl. „Das mag im ersten Moment viel klingen, doch möglich wäre über eine Tonne am Tag“, sagt der Müller. Wenn die Arbeit nicht so kräftezehrend wäre. Denn in Altkalen wird gemahlen wie vor hundert Jahren – also fast. Neben dem Windmahlgang besitzt der gelernte Müller und Schmied auch einen wetterunabhängigen Mahlgang mit Motor. Letzterer kam in den vergangenen zwei Jahren oft zum Einsatz, da die Klappen in den Mühlenflügeln – 1995 eingebaut – dringend überarbeitet oder ersetzt werden mussten. Dank Spenden sind die Flügel inzwischen wieder komplett bestückt und einsetzbar. Neu sind jedoch nur etwa fünf Prozent der Klappen. Sie sollen über die nächsten Jahre nach und nach erneuert werden – je nachdem, wie viele Spenden ankommen.

Für den Erhalt der Mühle arbeitet Detlef Preuß hart. „Jeden Sack Körner und Mehl habe ich etwa zehnmal in der Hand.“ Und jeder wiegt 50 Kilogramm. In mühevoller Handarbeit mahlt und verbackt der Müller etwa ein Drittel des entstandenen Mehls zu eigenen Kuchen und Broten. „Von einem Bäckermeister habe ich mir zeigen lassen, wie es geht. Denn Brotbacken ist ja auch eine kleine Wissenschaft für sich“, sagt er und lacht. Dabei legt der Altkalener viel Wert auf Frische und Regionalität. So wird für die Backtage, die zwischen Ostern und dem dritten Advent immer mittwochs stattfinden, stets frisch gemahlen. Auch das Korn stammt dabei aus regionalem Anbau. Somit sind Preuß’ Produkte natürlich auch teurer als die aus dem Discounter. „Doch meine Kunden sind gerne bereit, etwas mehr zu zahlen“, sagt er. Schließlich würden sie damit auch etwas für ihre Gesundheit tun – denn man wisse, was drinsteckt. Von industriell gefertigen Mehlen hält der 50-Jährige entsprechend wenig. „Wer billig kauft, kann keine hochwertigen Produkte erwarten“, ist er sicher. „Würde ich da preislich mithalten wollen, müsste ich minderwertige Ware verarbeiten.“ Das werde nicht passieren. „Auch, wenn sich der Betrieb der Mühle finanziell nicht lohnt, werde ich weitermachen. Mühlen sind Kulturgut und sollten nicht aus der Erinnerung der Menschen verschwinden.“

Ganz gesichert ist das Fortbestehen der eigenen Windmühle noch nicht. Detlefs Sohn macht gerade eine andere Lehre. Vielleicht packt auch ihn das Mühlen-Fieber.

Mühlentag 2017

Offene Mühlen

Zum Deutschen Mühlentag am Pfingstmontag (5. Juni) öffnen in MV 19 Wind-, Wasser- und Motormühlen ihre Türen für Besucher. Zu Führungen und kleinen Festen laden beispielsweise das Mühlenensemble in Woldegk, die Holländerwindmühlen in Kröpelin, Altkalen, Steinhagen und Wittenburg, die Wassermühlen in Rüting und Kuchelmiß, die Motormühle Lübs, die Schleifmühle in Schwerin, das Mühlenmuseum im Krenzow und die Bockwindmühlen in Greifswald-Edena und Pudagla ein, teilte der Mühlenverein am Freitag in Schwerin mit.

Trotz ihrer zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit verbleiben etwa 300 Wasser- und 119 Windmühlen in MV. Anliegen des 1994 ins Leben gerufenen „Deutschen Mühlentags“ ist es, die Bedeutung, Geschichte und Funktionen der „ältesten Kraftmaschine der Menschheit“ stärker in das öffentliche Bewusstsein zu bringen.epd

Termine & Höhepunkte

Backtage finden zwischen Ostern und dem dritten Advent immer mittwochs zwischen 13 und 17 Uhr statt. Zwischen Pfingsten und Mitte September wird es auch donnerstags von 13 bis 17 Uhr Brot und Kuchen aus dem Freilandofen geben. Zudem ist in diesem Zeitraum das Hofcaféf sonntags geöffnet.

www.windmehl.de

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