Frauen im Handwerk : Arbeiten mit Blick aufs Wasser

Kleine und größere Boote sind das Geschäft von Anett Schultz.
Kleine und größere Boote sind das Geschäft von Anett Schultz.

Anett Schultz leitet eine kleine Yachtwerft in Wismar – und ist damit eine Exotin in der Branche

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26. August 2015, 21:00 Uhr

Die Fäden laufen bei Anett Schultz zusammen. Oder sollte man bei Booten besser Taue sagen? Die 50-Jährige leitet jedenfalls die Yachtwerft Ostsee, einen kleinen Handwerksbetrieb im Wismarer Westhafen. Die sieben Mitarbeiter reparieren und lagern Schiffe, kümmern sich um Service, Elektrik und Elektronik, verlegen Decks aus Kunststoff oder Teakholz. Die Chefin selbst ist Betriebswirtin, „durch und durch Kauffrau“, wie sie selbst sagt, aber schon seit fast 20 Jahren in der Branche dabei.

„Ich habe mich immer dafür interessiert, was genau auf den Schiffen passiert, habe viel zugeschaut. Ich wollte ja wissen, wovon ich rede – auch wenn ich mir nicht anmaßen würde, eine Reparatur selbst auszuführen.“ Bei Kundenfragen am Telefon möchte sie fachgerecht antworten können. „Ich vergleiche das immer mit dem Verwaltungschef eines Krankenhauses. Der hat Ärzte, die operieren, aber er selbst muss auch vieles über die medizinischen Vorgänge wissen. Ich werde nach wie vor darauf angesprochen, dass ich als Frau in dieser Branche tätig bin – ein weißer Elefant, hat mal jemand zu mir gesagt.“

Ihr Studienabschluss Diplomingenieur-Ökonom zeigt, dass sie schon damals in eine technische Richtung geschaut hat. Seit 2002 ist sie sogar Yachthändlerin – auch damit eine Exotin, denn es gibt nicht viele Frauen, die Boote verkaufen. Nichts aber könne sie bekennen ohne ihre fachkundigen Mitarbeiter, darunter drei Bootsbauer und ein Bootsbautechniker. „Wie in vielen kleineren Betrieben arbeiten wir alle Hand in Hand. Kein Bootsbauer kann heutzutage mehr alles. Das Geschäft umfasst mehrere Gewerke, unter anderem Kunststoff- und Holzverarbeitung, Motoren- und Elektrotechnik, Segeltechnik. Ich organisiere alle Arbeiten, bestelle Material, koordiniere Termine, betreue die Kunden. Ich kenne jeden Auftraggeber, jedes Boot, jeden Vorgang. Cooler Job.“ Sie lacht.

Die kleine Werft bekommt ihre Aufträge überwiegend direkt von den Eignern selbst, repariert Motorboote und Segelyachten, die etwa zehn bis 14 Meter lang sind. Wer leistet sich sowas? „Es ist längst nicht mehr so, dass nur reiche Leute eigene Boote haben“, sagt Anett Schultz. „Es ist einfach eine Leidenschaft, für die die Leute leben. Andere haben einen Garten oder ein Wohnmobil – unsere Kunden haben eben ein Schiff. Manche besaßen jahrelang nur eine kleine Jolle und gönnen sich erst später ein Boot eine Nummer größer.“ Viele nutzen erst im Rentenalter Zeit und Fitness, um aufs Wasser zu fahren, egal ob Ostsee oder Binnenseen.

2007 wurde die Firma in Boltenhagen gegründet und ist seit 2011 in Wismar ansässig. „Das war eine gute Entscheidung, denn es gibt hier viel Potenzial für maritimen Wassersport“, weiß die Chefin. Viele Stammkunden kommen aus der Schweriner Gegend, aber auch aus Berlin und Brandenburg. Etliche kommen hierher, weil sie Anett Schultz schon lange kennen. „Hier im Hafen gibt es natürlich Mitbewerber, aber wir ergänzen uns eher als dass wir uns gegenseitig das Leben schwer machen. Unsere Werft arbeitet zum Beispiel mit dem Segelmacher, dem Tischler oder dem Sportbootservice zusammen.“

Spielen Boote auch in ihrer Freizeit eine Rolle? Anett Schultz winkt ab. Viele Jahre lang sei sie mitgesegelt. „Aber die Phase ist inzwischen etwas abgeklungen. Ich fahre gern mal mit raus, wenn es sich anbietet. Aber ansonsten bewege ich mich lieber an Land, habe viele Dinge wiederentdeckt, die nichts mit Wasser zu tun haben.“  
 

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