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Mecklenburg-Vorpommern

14. Dezember 2017 | 11:24 Uhr

Applaus für den Kompromiss

vom

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2012 | 11:10 Uhr

Schwerin | Der Film wird sozusagen zurückgespult: Stefan Fichtner kehrt als Künstlerischer Leiter zum Filmkunstfest MV zurück - zumindest für dieses Jahr. Fichtner werde die Programmredaktion des Festivals 2012 leiten und es künstlerisch nach außen vertreten, teilte gestern Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) mit. Bereits am Abend zuvor war diese grundsätzliche Einigung bekannt geworden (wir berichteten).

"Ich bin froh, dass die Beteiligten in kürzester Zeit bereit waren, sich im Interesse des Filmkunstfestes zusammenzusetzen und den Streit beizulegen", erklärte Minister Brodkorb: "Wir brauchen dieses Festival als cineastische Perle in unserem Land, und niemand kann wollen, dass es weiter beschädigt wird."

Weiter beschädigt… Dies war vorgefallen: In der Filmkunstfest-Dachgesellschaft FilmLand MV gGmbH hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Diskussionen - bis hin zum bitteren, öffentlich ausgetragenen Streit - über die Zuständigkeiten von Geschäftsführer und Künstlerischer Leitung gegeben. Der FilmLand-Aufsichtsrat stellte im Oktober 2011 dann klar: Es liege allein in der Zuständigkeit und Verantwortung des Geschäftsführers, ob und wie er eine Position "Künstlerischer Leiter" einrichtet. FilmLand-Geschäftsführer Torsten Jahn baute daraufhin um: keinen Künstlerischen Leiter mehr, stattdessen eine "Programmredaktion". Außerdem sollte es einen "Festivalbotschafter" geben. Stefan Fichtner wurde angeboten, als Programmredakteur weiterzuarbeiten. Jahn betonte damals, es habe keinen Streit mit dem Künstlerischen Leiter gegeben.

Den gab es dafür wenige Wochen später: Fichtner lehnte eine Weiterarbeit als Programmredakteur ab, er wolle sich nicht degradieren lassen. Außerdem sei gegen ihn ständig intrigiert worden. Fichtner war nach Hasso Hartmann und Saskia Walker der dritte Künstlerische Leiter in zwei Jahren, der das Handtuch warf und dabei von Mobbing sprach.

Der Streit sit jetzt beigelegt. Bildungsminister Brodkorb, der Jahn und Fichtner an einen Tisch geholt hatte, betonte, beide Seiten seien kompromissbereit gewesen: "Dies zeigt sich schon daran, dass es nur eines einzigen gemeinsamen Gespräches von 60 Minuten am Montag dieser Woche bedurfte, um eine Einigung zu erzielen." Schließlich hätte der FilmLand-Geschäftsführer schon am Mittwoch und der alte und neue Künstlerische Leiter am Donnerstagabend dem Kompromiss zugestimmt. "Ich werde meinen vollen Einsatz für das Festival bringen. Ich freue mich über die Unterstützung vonseiten der Filmschaffenden und wünsche mir auch weiterhin eine rege Beteiligung am Schweriner Festival", erklärte Stefan Fichtner laut Pressemitteilung des Ministers. Ebenso Torsten Jahn: "Nun steht einem erfolgreichen Festival 2012 nichts mehr im Wege und wir können zügig die Vorbereitungen dafür fortsetzen." Das Festival findet vom 1. bis 6. Mai statt.

In den vergangenen Tagen hatten immer wieder Filmemacher und andere Branchen-Promis - unter anderem Regisseur Andreas Dresen - Bedenken und Kritik im Hinblick auf die neue Organisation der FilmLand-Gesellschaft geäußert. Ein Filmkunstfest ohne einen Künstlerischen Leiter sei schwer vorstellbar, so der Tenor. Einige langjährige Partner, wie die Filmjournalisten Knut "Kino-King" Elstermann und Klaus Dieter Felsmann, oder designierte Jury-Mitglieder wie Schauspiel-Star Ulrich Matthes hatten sogar ihre weitere Teilnahme abgesagt (wir berichteten).

Parallel zu den Gesprächen des Kultusministers mit Fichtner und Jahn unterschrieben prominente Regisseure, langjährige Freunde des Festivals, frühere Jurymitglieder und Preisträger, u. a. der Schriftsteller Christoph Hein, die Schauspielerinnen Katrin Sass und Annekathrin Bürger sowie die Regisseure Christian Petzold und Andreas Kleinert, einen Brief an den Ministerpräsidenten und die Schweriner OB, in dem sie sich "erschrocken und zutiefst verärgert" über die strukturellen und damit personellen Entwicklungen beim Filmkunstfest zeigten.

Sogar eine Absage des traditionellen Empfanges in der Berliner Landesvertretung MV zur Berlinale stand im Raum. Dieser Empfang werde stattfinden, betonte Minister Brodkorb jetzt. Neben dem Ministerpräsidenten würden Fichtner und Jahn als Einladende auftreten. Über weitere Details wollte das Ministerium keine Auskunft geben.

Kompromiss hin oder her - FilmLand-Geschäftsführer Jahn ist mit seinen Neustrukturierungsplänen gescheitert. Bei der FilmLand-Gesellschaft gab man sich gestern wortkarg: Man werde über die Pressemitteilung des Ministers hinaus keine Stellung nehmen, hieß es seitens der Pressesprecherin. Torsten Jahn selbst sagte auf direkte Nachfrage nur: "Wir arbeiten nach vorn." Was aus dem Posten eines "Festivalbotschafters" wird, für den ja Regisseur Christian Schwochow schon zugesagt hatte, wollte er nicht erläutern.

Der von Rügen stammende Schwochow, der 2008 mit "Novemberkind" den Publikumspreis des Filmkunstfestes und unserer Zeitung gewonnen hatte, ist derzeit auf dem Filmfestival in Saarbrücken. Er sagte auf Nachfrage unserer Zeitung, er sei über die neuen Entwicklungen in Schwerin informiert. Stefan Fichtner, ebenfalls derzeit in Saarbrücken, betonte: "Christian ist für das Filmkunstfest und auch für mich ein langjähriger Freund und Gesprächspartner." Ein "Festivalbotschafter" Schwochow könne nur eine Bereicherung sein.

Außerdem gibt es nach Informationen unserer Zeitung für das Filmkunstfest 2012 zwei Vereinbarungen, in denen zwischen Bildungsministerium und Stefan Fichtner sowie Torsten Jahn jeweils festgelegt ist, welche Rechte und Pflichten der Künstlerische Leiter hat, wo dieser frei entscheiden kann und wo der Geschäftsführer zu konsultieren ist.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der FilmLand-Gesellschaft, Gerd Schneider, zeigte sich erfreut über die Einigung: "Ich begrüße das." Vor allem, weil nun die Mitarbeiter der FilmLand endlich wieder alle Kraft in das bevorstehende Festival investieren könnten.

Jens Hagen Schwadt, Vorsitzender des Landesverbandes Filmkommunikation MV, also des Dachverbandes aller Filmklubs im Land, der auch den Festivalpreis Findling vergibt, freute sich gestern über die Wiedereinstellung gerade von Stefan Fichtner als Künstlerischen Leiter. Es sei wichtig, dass jemand das Festival dauerhaft nach außen vertrete. Zugleich sprach er von einem ersten Schritt. "Ich glaube, es wird wieder ein schönes Filmfest, dem das Publikum treu verbunden bleibt. Und die Leitung des Festivals wird auch eine zukunftsträchtige Lösung finden."

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