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15. Januar 1990: Sturm der Stasi-Zentrale : „Apotheke gegen Nostalgie“ - Mit Bundespräsident Gauck im Stasi-Archiv

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Er war der erste Chef der Behörde, die die Stasi-Unterlagen verwaltet. Nun kommt Joachim Gauck als Bundespräsident nochmal zu Besuch.

svz.de von
erstellt am 15.Jan.2017 | 09:00 Uhr

Bundespräsident Joachim Gauck hat sich als Fan von Panikrocker Udo Lindenberg geoutet. „Da haben wir etwas Gemeinsames“, sagt er gut aufgelegt zu Bereichsleiter Rupert Carus im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde. Der 56-Jährige erklärt Gauck am Freitag die Karteikarten-Registriernummern für Stasi-Dokumente, als nebenbei die Begeisterung für Lindenberg ins Spiel kommt. Der war vor einiger Zeit spontan bei Carus und ließ sich ebenfalls das Karteikarten-System zeigen. Denn die Stasi hatte auch den Musiker aus dem Westen im Visier.

Gauck war im wiedervereinigten Deutschland zehn Jahre erster Chef der neugegründeten Stasi-Unterlagen-Behörde. Lange wurde sie deshalb auch Gauck-Behörde genannt. Bei seinem Rundgang mit dem jetzigen Behördenleiter Roland Jahn herrscht harmonisches Einverständnis der beiden Ostdeutschen mit Schulterklopfen und halben Umarmungen. Es ist ein Abschiedsbesuch des scheidenden Bundespräsidenten.

 

Wehmut gibt Gauck nicht zu erkennen. Für ihn trete alles hinter die Wochen der Befreiung im Herbst 1989 zurück. Sie seien das zentrale Erlebnis seines politischen Lebens. „Freiheit ist schön, aber Befreiung ist noch emotionaler“, sagt der 76-Jährige.

Vor 27 Jahren, am 15. Januar 1990, retteten Demonstranten beim Sturm auf die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg einen Großteil der Stasi-Unterlagen vor der Vernichtung. Von hier aus hatte die Stasi als „Schild und Schwert der Partei“ die Herrschaft der SED gesichert. In den Stasi-Zentralen der DDR-Bezirke hatten Bürgerrechtler bereits zuvor zahlreiche Papiere gesichert.

Hintergrund: Sturm auf die Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990
Tausende Demonstranten stürmen am 15. Januar 1990 die Zentrale der Staatssicherheit in Ost-Berlin und besiegeln das Ende des DDR-Geheimdienstes. Bürgerrechtler retten massenhaft Akten vor der Vernichtung und legen so den Grundstein zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Zuvor hatten Vertreter der DDR-Führung am Runden Tisch den Bürgerkomitees über den Stand der Stasi-Auflösung berichtet. Von zuletzt 85 000 hauptamtlichen Mitarbeitern seien bereits 30 000 entlassen worden, alle Waffenkammern seien geräumt. Die Stasi-Leute hätten über 124 000 Pistolen und Revolver, 76 000 Maschinenpistolen sowie Panzer- und Flugabwehrwaffen verfügt. Die Bürgerkomitees bezweifeln die Angaben und berichten von einer vollfunktionsfähigen Stasi-Zentrale an der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg. Mehrere tausend Menschen folgen daraufhin einem Aufruf des Neuen Forums und versammeln sich zunächst vor dem Gebäude, bevor sie sich Einlass verschaffen.

In dem Ex-Ministerium für Staatssicherheit lagert ein Großteil der original erhaltenen Unterlagen. Das riesige Archiv mit Millionen Aktenblättern, Fotos, Karteikarten und Tonbändern ist im Haus 8 auf dem mehr als 20 Hektar umfassenden Areal angesiedelt. In Berlin und den ostdeutschen Ländern blieben rund 111 Regal-Kilometer Unterlagen erhalten.

Gauck und Jahn sind sich einig, dass die Aufklärung über die DDR-Vergangenheit weitergehen müsse. Es sei wichtig, dass gerade Jüngere anhand der Stasi-Akten etwas über die gigantische Stasi-Manie zum Machterhalt lerne, unterstreicht Gauck. Und er bekräftigt, was er schon 2012 sagte: Die Behörde sei eine Apotheke gegen Nostalgie. Über ihre Zukunft wird seit längerem debattiert, Entscheidungen vor der Bundestagswahl im September dieses Jahres werden nicht erwartet.

Für einige Menschen seien die Akten noch lebendig atmende Geschichte, meint Gauck. Manche trauten sich bis heute nicht, hineinzuschauen - aus Angst, Verrat zu entdecken. Für die meisten seien die Papiere aber schon historisches Material.

Behördenchef Jahn, einstiger DDR-Oppositioneller, bezeichnet die Öffnung der Akten, die vor 25 Jahren begann, als „wichtige Säule der Demokratie“. Die Unterlagen der Staatssicherheit dokumentierten Menschenrechtsverletzungen. „Hier können wir die Sinne schärfen für die Gegenwart.“ Nun komme es darauf an, den Opfern auch künftig gerecht zu werden.

Derzeit sind mit 1600 Mitarbeitern nur noch halb so viele an Bord wie zu Beginn der 90er Jahre. Bislang wurden über sieben Millionen Anträge und Ersuchen bei der Bundesbehörde registriert. Im Vorjahr ging die Zahl der Anträge auf persönliche Einsicht in Stasi-Papiere auf genau 48 634 zurück. 2015 waren es noch rund 62 500. Ersuchen wurden etwa zur Überprüfung im öffentlichen Dienst gestellt oder zur Rehabilitierung Verfolgter.

Sabine Ehrlich, die seit 1992 in der Behörde arbeitet und Auskünfte aus Akten vorbereitet, berichtet Gauck über bewegende Schicksale.

Eine Frau habe lesen müssen, dass ihre Schwester sie bespitzelte und an die Stasi verriet. Ein anderer sei von der Haft so gezeichnet gewesen, dass sie ihn mit den Papieren nicht allein lassen konnte.„Ich danke Ihnen als Präsident“, sagt ein bewegter Gauck. Er richtet Grüße an alle Mitarbeiter aus.

>> Hier geht es zur Stasi-Unterlagen-Behörde

 

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