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Mecklenburg-Vorpommern : Ansturm auf Stasi-Akten

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Die Stasi-Unterlagenbehörden in MV verzeichnen einen unerwarteten Boom bei Anträgen auf Akteneinsicht. In den drei Außenstellen wurden im ersten Quartal deutlich mehr Anträge als im Vorjahreszeitraum eingereicht.

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erstellt am 16.Apr.2012 | 09:42 Uhr

Schwerin | Die Stasi-Unterlagenbehörden in Mecklenburg-Vorpommern verzeichnen einen unerwarteten Boom bei Anträgen auf Akteneinsicht. In den drei Außenstellen Rostock, Neubrandenburg und Schwerin wurden im ersten Quartal deutlich mehr Anträge als im Vorjahreszeitraum eingereicht, wie eine Umfrage ergab. Als Grund vermuten die Mitarbeiter eine Gesetzesänderung, die nun auch Angehörigen den Einblick in die Unterlagen ermöglicht. Auch Joachim Gauck als langjähriger Chef der Bundesbehörde könnte mit seiner Wahl zum Bundespräsidenten das Interesse neu entfacht haben.

In Neubrandenburg reichten bis Ende März fast 1500 Bürger die Formulare ein, das sind bereits drei Viertel so viele wie im gesamten Vorjahr. In Görslow bei Schwerin wurden seit Jahresbeginn 944 Anträge gestellt, im ersten Quartal 2011 waren es 568. In der Rostocker Außenstelle gingen bis Ende März rund 1100 Anträge ein. "Das ist ein gutes Drittel mehr als in den Vorjahren", sagte der Leiter der Außenstelle in Waldeck, Volker Höffer. Immer öfter wollen die Antragsteller dabei auch die Akten von Familienmitgliedern einsehen. Mit der achten Novelle des Stasi-Unterlagengesetzes haben Angehörige seit Jahresbeginn die Möglichkeit, die Einsicht in Stasi-Akten naher Verwandter zu beantragen, auch wenn diese bereits verstorben sind oder als vermisst gelten. "Die nachwachsende Generation möchte wissen, inwieweit aus politischen Gründen in die Biografie ihrer Familie eingegriffen wurde," sagt Höffer. In vielen Familien sei darüber nicht geredet worden.

Diese Erfahrung kennt die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marita Pagels-Heineking, auch aus der politischen Bildungsarbeit. "Die nachfolgende Generation hinterfragt diese Zeit, die sie geprägt hat", sagte sie. Der wachsende zeitliche Abstand spiele bei vielen Antragstellungen eine Rolle, sagte auch Höffer. Ein großer Teil der "DDR-Erlebnisgeneration" sei mittlerweile im Ruhestand und habe Zeit, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Einen großen Andrang erfahren die Mitarbeiter zudem bei Außenterminen in den Regionen des Landes. "Wir haben allein auf unserem jüngsten Beratungstag in Bützow im März rund 100 Anträge auf Akteneinsicht entgegengenommen," sagte Corinna Kalkreuth für die Außenstelle Görslow bei Schwerin. Seit mehreren Jahren organisieren alle drei Außenstellen zwischen März und November monatlich jeweils ein bis zwei mobile Beratungen.


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