Flüchtlingsdrama : Ansturm auf Deutschkurse – aber wer soll das bezahlen?

Volkshochschulen erleben einen bisher nicht dagewesenen Ansturm auf Deutschkurse – doch ihre Finanzierung ist ungeklärt

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07. September 2015, 21:00 Uhr

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Viele Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, haben das erkannt und suchen nach Möglichkeiten, Deutsch zu lernen. „Wir verzeichnen einen täglich wachsenden Bedarf an Kursen für Flüchtlinge“, betont die Direktorin des Volkshochschulverbandes (VHS-Verband) im Land, Ines Schmidt. „Sie sind für uns mittlerweile zu einer Schwerpunktaufgabe geworden.“

Doch die Kernfrage ist wie so oft: Wer soll das bezahlen? Andere Bundesländer, so Ines Schmidt, hätten zum Teil mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds aufgestockte Landesprogramme aufgelegt: In Hamburg zum Beispiel gibt es die „Erstorientierung für Flüchtlinge“, in Bayern ein Modellprogramm „Deutsch lernen und Erstorientierung“, und Schleswig-Holstein bietet den Sprachunterricht innerhalb seines „Starterpakets für Flüchtlinge“ an. „Warum“, so fragt die VHS-Verbandsdirektorin, „geht das in Mecklenburg-Vorpommern nicht?“


Gespräche über stärkere Beteiligung des Bundes


Sie habe sich mit dieser Frage bereits an den Ministerpräsidenten und an mehrere Landtagsfraktionen gewandt, sich mit dem Städte- und Gemeinde- und dem Landkreistag zusammengetan, so Ines Schmidt. „Aber der Bildungsausschuss des Landtages hat das Thema auf den Herbst verschoben.“ Und aus der Staatskanzlei gebe es noch keine Antwort.

„Das stimmt“, bestätigte Regierungssprecher Andreas Timm. Derzeit liefen Gespräche über eine stärkere Beteiligung des Bundes an den Kosten der Aufnahme von Flüchtlingen, deren Ergebnisse am 24. September vorgestellt werden. „Danach werden wir den Brief beantworten – wenn wir wissen, wie der Bund sich künftig beteiligt“, so Timm.

Allerdings müsse in diesem Zusammenhang auch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Mecklenburg-Vorpommern, anders als fast alle anderen Bundesländer, den Kommunen die Unterbringungskosten der Flüchtlinge vollständig erstattet. Zusätzlich sei von 9,6 Millionen Euro, die der Bund für die Flüchtlinge überweist, die Hälfte an die Kommunen weitergeleitet worden. „Wenn sie es für erforderlich halten, können sie dieses Geld zum Beispiel für Sprachkurse ausgeben“, so Timm.

In Vorpommern-Greifswald passiert das bereits, bestätigt Ines Schmidt. Dort stellt der Landkreis 100 000 Euro aus Bundesmitteln für Deutsch-Intensivkurse zur Verfügung. Asylbewerber, deren Antrag bearbeitet ist, können dort in 100 Stunden Grundkenntnisse unserer Sprache erwerben, je Einheit zahlen sie 0,50 Euro dazu.


Was wissen wir denn über das Leben in Syrien?


In Vorpommern-Rügen wird pro Stunde ein Eigenanteil von einem Euro von den Flüchtlingen erhoben. „Alles andere wird aus Restmitteln aus Integrationskursen finanziert“, so die Verbandsdirektorin. Wie lange hier allerdings angesichts der ständig steigenden Flüchtlingszahlen noch Geld übrig bleibt, ist fraglich.

Sorge bereitet den Volkshochschulen auch, dass vielerorts vor allem auf das Engagement Ehrenamtlicher gesetzt werde, wenn es um den ersten Sprachunterricht für Flüchtlinge geht. „Grundsätzlich ist jedes ehrenamtliche Engagement natürlich zu begrüßen, aber nur, wenn es sich um ergänzende Angebote handelt“, betont Ines Schmidt. „Systematische Sprachvermittlung aber gehört in die Hand von Profis.“

Selbst die seien zum großen Teil überfordert, wenn jetzt beispielsweise auch traumatisierte Flüchtlinge vor ihnen sitzen. „Und bei allem Engagement: Was wissen wir denn über das Leben und die Bräuche in Ländern wie Syrien? Auch hier muss es für unsere Kursleiter Fortbildungen geben. Wir sind dabei, sie zu organisieren“, so die Verbandsdirektorin. 

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