Betreuungsgeld : Anreiz zum Kita-Verzicht

Babystrampler  auf einer Wäscheleine: Was bringt das Betreuungsgeld – und wer nutzt es? Die nächste Runde ist durch eine Studie eröffnet.
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Babystrampler auf einer Wäscheleine: Was bringt das Betreuungsgeld – und wer nutzt es? Die nächste Runde ist durch eine Studie eröffnet.

Neue Studie: Schlechte Noten für Betreuungsgeld / Prämie vor allem für „bildungsferne“ Familien attraktiv / Politischer Streit neu entfacht

svz.de von
27. Juli 2014, 20:51 Uhr

Kita-Verzicht wegen Betreuungsgeld? Forscher des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund geben der neuen Familienleistung in einer neuen Studie schlechte Noten. Das vor einem Jahr eingeführte Betreuungsgeld ist für Eltern bestimmt, die für ihre Kinder unter drei Jahren keinen staatlich geförderten Betreuungsplatz in Anspruch nehmen. Offenbar entpuppt sie sich als Anreiz zum Kita-Verzicht bei Kindern, die nach Ansicht der Wissenschaftler Betreuung außerhalb der Familie besonders nötig hätten.

„Das Betreuungsgeld erweist sich für Familien als besonders attraktiv, die eine geringe Erwerbsbeteiligung aufweisen, durch eine gewisse Bildungsferne gekennzeichnet sind und einen Migrationshintergrund haben“, heißt es im Fazit der von Bundesfamilienministerium geförderten Untersuchung, die unserer Redaktion vorliegt. Grundlage der Untersuchung ist eine Befragung von 100 000 Eltern in Deutschland. Tatsächlich ist das Betreuungsgeld – von bisher 100 Euro, ab 1. August 150 Euro monatlich – durchaus beliebt. Die Zahl der Anträge war zuletzt bundesweit auf mehr als 280 000 gestiegen, ergab kürzlich eine Umfrage unserer Redaktion bei den Ministerien und Behörden der 16 Bundesländer. Die Zahl der Antragssteller dürfte allerdings deutlich oberhalb von 300 000 liegen, da einige Länder keine aktuellen Zahlen hatten.

Die politische Debatte über die neue Familienleistung wird durch die Ergebnisse wieder angeheizt. „Über die Zukunft des Betreuungsgeldes entscheidet das Bundesverfassungsgericht“, wird im Familienministerium auf das laufende Verfahren in Karlsruhe verwiesen. Die SPD geht jetzt in die Offensive und fordert eine Abschaffung des Betreuungsgeldes. „Die CDU muss in der Fraktionsgemeinschaft mit der CSU dieses Instrument noch einmal überdenken“, erklärte Fraktionsvize Carola Reimann gestern mit unserer Redaktion. „Wir sind sofort bereit, das Betreuungsgeld wieder abzuschaffen.“ Die neue Studie bestätige die Befürchtungen voll und ganz: „Das Betreuungsgeld führt dazu, dass Kindern Entwicklungschancen vorenthalten werden.“

Die Grünen forderten die Familienministerin zum Handeln auf. „Frau Schwesig sollte eine Initiative zur Abschaffung des Betreuungsgeldes starten“, erklärte Parteichefin Simone Peter im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Mittel müssen anders eingesetzt werden, und zwar für mehr Qualität in den Kitas.“

Die Union – insbesondere die CSU – verteidigt das Betreuungsgeld und weist Kritik scharf zurück. „Bei Ein- und Zweijährigen eine Besser-/Schlechter-Diskussion zwischen Elternzuwendung und Kita anzuzetteln, ist ein ideologischer Tiefschlag sondergleichen gegen alle Eltern von Kleinkindern“, so die bayerische Staatskanzlei-Chefin Christine Haderthauer (CSU). Laut der neuen Studie nennen 25 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund, die ihre Kinder unter drei Jahren nicht in eine Kita geben, das Betreuungsgeld als Grund für diese Entscheidung. Bei Familien ohne Migrationshintergrund liegt dieser Anteil nur bei 13 Prozent. Für 54 der Elternpaare ohne Schulabschluss war das Betreuungsgeld ausschlaggebend dafür, ihr Kind nicht in eine Kita zu schicken. Bei Akademikerfamilien lag der Anteil bei acht Prozent: Zahlen, die jetzt für weiteren Streit sorgen
dürften.


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