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Sandsturm-Prozess : Annäherung an eine Sandwolke

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ob das Staubgebilde plötzlich auftauchte oder schon lange vor dem schweren Unfall sichtbar war, ist eine zentrale Frage im Prozess

Bei seinem Versuch, sich dem Phänomen der verheerenden Sandwolke über der A 19 bei Kavelstorf am 8. April 2011 anzunähern, kommt der Rostocker Amtsrichter Schröder nur in sehr kleinen Schritten voran. Eine Zeugin berichtete, ihm gestern, das undurchsichtige Gebilde sei „wie eine dunkelbraune Glocke“ über sie gekommen, als sie mit sechs Freundinnen im Kleinbus gen Norden in ein gemeinsames Wochenende fuhren. Eine Mitfahrerin sagte: „Es war, als fiele uns eine Decke über den Kopf.“

Schröder belehrte die Frauen, die Sandwolke, in deren Folge bei einer Massenkarambolage acht Menschen starben, könne nicht „von einem auf den anderen Moment dagewesen“ sein. „Das geht physikalisch nicht.“ Sie sei, und das sei „eine gesicherte Erkenntnis“, von einem Acker von links nach rechts über die Autobahn geweht. Warum sie dies nicht wahrgenommen haben, konnten die Zeuginnen nicht erklären.

Angeklagt ist die Fahrerin Kirsten E. aus Eisenhüttenstadt wegen fahrlässiger Tötung. Sie soll ohne viel zu bremsen in die Staubwolke gefahren sein. Dort kollidierte sie mit dem Wagen eines Ehepaares. Der 60-jährige Mann und seine 45-jährige Frau starben an der Unfallstelle. Dabei hätte Kirsten E. 650 Meter vorher die Staubwolke sehen können, so die Staatsanwaltschaft. Einen Strafbefehl über neun Monate Haft auf Bewährung hat Kirsten E. nicht akzeptiert. Deshalb steht sie nun vor Gericht.

Einig waren sich die Freundinnen, dass die Fahrerin sofort gebremst habe, als sie in der Sandwolke waren. An eine starke Bremsung vor der Wolke, wie die Staatsanwaltschaft sie erwartet hätte, konnten sie sich nicht erinnern. Die quietschenden Bremsen, das Scheppern von Blech auf Blech und der Brandgeruch haben offenbar die Erinnerung der Zeuginnen an den Unfall geprägt, an dem am Ende 85 Wagen beteiligt waren. An manche Details konnten sie sich nicht erinnern. So beharrte die eine darauf, ihr Kleinbus habe nach 30 Minuten noch an der Stelle auf der Fahrbahn gestanden, wo sie ausgestiegen sei. Dabei war der Kleinbus von einem nachfolgenden LKW gerammt und auf die Böschung geschoben worden. Die jetzt angeklagte Fahrerin wurde schwer verletzt.

Kirsten E.’s Anwalt will möglichst viele Augenzeugen anhören. Sie würden belegen, dass die Sandwolke unvorhersehbar aufgetaucht sei. Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage unterdessen auf ein technisches Gutachten, das zeige, wie Kirsten E. den Kleinwagen auf der rechten Spur vor ihr rammte. Die Retter fanden den ausgebrannten Wagen des getöteten Ehepaars später an der Mittelleitplanke wieder.

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