Anna Loos in den Fängen der Stasi

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Judith Kepler (Anna Loos) stößt in "Zeugin der Toten" in ein Geheimnis der deutsch-deutschen Geschichte vor - und in ihre eigene Vergangenheit. ZDF/ Erhard

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15. Juni 2012, 10:28 Uhr

Schwerin/Sassnitz | Die düstere Enge der einstigen Schweriner Stasi-Zentrale am Demmlerplatz und die von ihr ausgehende fast greifbare Angst werden die Fernsehzuschauer nicht zu sehen oder zu spüren bekommen, wenn das ZDF mit "Zeugin der Toten" die zweite Verfilmung eines Romans von Elisabeth Herrmann zeigen wird. Doch der Schweriner Staatssicherheitsdienst spielt eine wichtige Rolle - im Buch noch mehr als im Film -, selbst 20 Jahre nach der Wende sind Ex-Agenten zu allem bereit, um an alte, brisante Mikrofilme heranzukommen. Damit nicht genug: Die Protagonistin Judith Kepler gerät auch noch in den Fokus des Bundesnachrichtendienstes. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart und den Fronten der Geheimdienste sucht die Hauptheldin sich und ihre Zukunft.

Mit Anna Loos in der Hauptrolle dreht das ZDF zurzeit in Berlin, Sassnitz und Schweden den "Fernsehfilm der Woche" mit dem Titel "Zeugin der Toten". Heute sollen die Arbeiten in Sassnitz beendet werden. Im gleichnamigen preisgekrönten Kriminalroman von Elisabeth Herrmann stand dort das Kinderheim, in das die Schweriner Stasi die junge Hauptheldin gesperrt hatte. Doch daran erinnert sie sich nur langsam…

Geheimdienste aus Ost und West im Einsatz

Und das ist die packende Geschichte: Judith Kepler wird gerufen, wenn die Spurensicherung geht. Sie macht aus Tatorten wieder bewohnbare Räume. Sie ist ein Cleaner. Doch eines Tages stellt ihr Beruf sie vor eine unerwartete Herausforderung: In der Wohnung einer grausam ermordeten Frau begegnet Judith ihrer eigenen Vergangenheit. Die Tote hatte Recherchen angestellt und wollte mit Judith in Verbindung treten. Und sie kannte Judiths streng gehütetes Geheimnis: Die Tatortreinigerin war als Kind unter mysteriösen Umständen in ein DDR-Kinderheim gebracht worden, Herkunft unbekannt. Kepler ist dort mit viel DDR-Drill im Heim aufgewachsen, war drogenabhängig, hat schon im Gefängnis gesessen.

In ihrem Schatten immer dabei die Staatssicherheit. Und doch: "Wir machen keinen Stasi-Film", sagt Dagmar Landgrebe von Network Movie Film- und Fernsehproduktion, die den Film für das ZDF produziert. "Wir wollen die Selbstfindung der Hauptheldin in den Mittelpunkt stellen."

Schon die Romanvorlage war kein Thriller. Statt rasanter Action liegt die Spannung in der Tiefe und Ausführlichkeit der Erzählung, wenn Elisabeth Herrmann Stück für Stück das Geheimnis um Judith Keplers Herkunft lüftet und den Leser in die Mitte der 1980er-Jahre in die Zeit des Kalten Krieges, in den Machtkampf zwischen den Geheimdiensten aus Ost und West und der Angst vor der Ent- und Aufdeckung zurückführt.

Kriminalgeschichte mit Polit-Hintergrund

Genau da liegt die Stärke von Autorin Herrmann: Ihre spannenden Kriminalgeschichten haben stets einen politisch brisanten Hintergrund. Und so mahnt "Zeugin der Toten" 20 Jahre nach der Wende an, dass die DDR auch ein Staat war, der bewusst Familien zerstört, Menschen gebrochen und unliebsame Widersacher aus dem Weg geräumt hat.

Hauptheldin Judith Kepler weiß beispielsweise überhaupt nicht, warum sie im Sassnitzer Kinderheim aufwuchs. Sie sucht Antworten. Doch ihre Akte wurde von der Schweriner Stasi manipuliert. Die Kinderheim-Szenen werden im Übrigen nicht in Sassnitz gedreht, sondern im ehemaligen Heimkombinat "A.S.Makarenko" in Berlin-Johannisthal. Das 1953 gegründete Haus galt mit bis zu 600 Kindern als zweitgrößtes Kinderheim Europas. Nach der Wende wurde die Einrichtung geschlossen und unter Denkmalschutz gestellt. Hauptdarstellerin Anna Loos kennt den Gebäudekomplex übrigens schon. Sie hatte dort für die Serie "Weissensee" vor der Kamera gestanden.

Dass Network Movie Anna Loos für die Hauptrolle gewinnen konnte, ist für die Kölner Fernsehmacher ein Glücksfall. In den vergangenen sechs Jahren hat sie zahlreiche Filmproduktionen gedreht, die Republikflucht und Stasi zum Thema hatten. In der "Zeugin der Toten" reist sie erneut in ihre ostdeutsche Vergangenheit.

Bereits die zweite Herrmann-Verfilmung

Die erste Verfilmung eines Elsabeth-Herrmann-Romans, "Das Kindermädchen", brachte dem ZDF im Januar dieses Jahres fast 20 Prozent Marktanteil und Millionen von Zuschauern. Die Hauptrolle spielte da Loos-Ehemann Jan Josef Liefers. Der wird auch die tragende Figur in der dritten Buch adaption übernehmen: "Die letzte Instanz" wird 2013 verfilmt. Das Drehbuch wird Krimiautorin Elisabeth Herrmann selbst schreiben.

Die jetzt beendeten Dreharbeiten am Seehafen in Sassnitz sind de facto der Abschluss der 22-tägigen Aufnahmen. Neben Anna Loos standen unter anderem Rainer Boock, Arved Birnbaum, Henny Reents und Hinnerk Schönemann auf der Besetzungsliste. Ausgestrahlt wird "Zeugin der Toten" im ersten Quartal 2013. Der genaue Sendetermin steht noch nicht fest.

Die Romanautorin ist jedenfalls schon ganz gespannt, was die Filmemacher aus ihrer Judith Kepler gemacht haben. Sie wird eine der ersten sein, die das gedrehte Material zu Gesicht bekommt.

"Das ist ein bisschen wie Geschenke auspacken. Bin total gespannt auf die Rohfassung, das ist ja noch einmal eine ganz neue Sicht auf eine Produktion", so Elisabeth Herrmann.

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