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Lilienthal-Brüder : Ankersteine waren lange der Hit

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Otto Lilienthal und dessen Bruder Gustav erfanden vor rund 135 Jahren die Anker-Bausteine aus Steinschlamm

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erstellt am 14.Okt.2014 | 07:47 Uhr

Es sollte der erste große Coup der umtriebigen Lilienthal-Brüder werden – doch wirtschaftlich wurde es ein Flop. Im Jahr 1879, weit vor den ersten erfolgreichen Flugversuchen, erfanden Gustav und Otto Lilienthal die Bausteine, die wenige Jahre später unter dem Namen Anker-Bausteine weltbekannt wurden. Im heimischen Herd experimentierten sie monatelang mit einer Mischung aus Firnis, Kreide und Sand für ihre Bauklötzchen-Produktion. Verdient haben sie an Würfel, Quader und Prisma so gut wie nichts.

Denn das Kreativ-Duo erwies sich nicht als besonders geschäftstüchtig, der Verkauf in Eigenregie kam nicht in Gang. 1880 verkauften sie das Verfahren an den cleveren Geschäftsmann Friedrich Adolf Richter aus Rudolstadt, der sofort darauf ein Patent anmeldete. Pech für die Lilienthal-Brüder: Denn schon bald mussten die beiden Erfinder erkennen, dass sie mit dem Verkauf des Verfahrens die real greifbare Chance auf sichere Einnahmen vergeben hatten.

Richters Anker-Bausteine wurden von 1882 an der Hit in den Kinderzimmern des bürgerlichen Mittelstandes. Klein beigeben wollte das Lilienthal-Duo aber nicht: Sie sicherten sich mehrere Auslandspatente. Ein Briefwechsel, den das Lilienthal-Museum in Anklam als Dauerleihgabe erworben und jetzt digitalisiert und transkribiert hat, wirft ein Schlaglicht auf den erbitterten Patent- und Konventionalstreit, den sich die Lilienthal-Brüder bis 1887 mit Richter lieferten.

Über 130 Jahre waren die 195 sogenannten „Brautbriefe“ im Besitz der Familie Lilienthal. Der Enkel von Gustav, Martin Springer aus Fürstenfeldbruck, übergab die Dokumente seines Großvaters Gustav und dessen späterer Frau Anna nun dem Museum. „Die Briefe sind Urquellen von zwei Menschen, die sich sehr vertraut sind“, sagt Museumschef und Lilienthal-Forscher Bernd Lukasch. „Sie können deshalb als unverfälscht und authentisch angesehen werden.“

Die Briefe dokumentieren hautnah eine der spannendsten Lebensphasen der Lilienthal-Brüder. Im Sommer 1886 war Gustav in Paris. Versuche, die Bausteine in Deutschland in einer anderen als der an Richter verkauften Zusammensetzung zu verkaufen, waren zuvor gescheitert. Richter verklagt Gustav. Ein Teil der Maschinen wird gepfändet. Gustav geht gegen das Urteil vor, doch finanziell ist er ruiniert.

In Paris beginnt er einen Neuanfang, die Nachfrage nach den Bauklötzen ist groß - bis zum 21. September 1886. Er schreibt an Anna: „Die Fabrik ist nur noch ein rauchender Trümmerhaufen... heute sollte die regelrechte Fabrikaktion begonnen werden... Niemand war versichert. Es ist wie ein Dämon.“

Die Lilienthal-Brüder geben nicht auf. Otto produziert die Steine in Deutschland. Doch dann gibt es Probleme mit den Maschinen. Das Geschäft zerschlägt sich. Gustav sondiert den Markt in England. Später wägt er sich in der Annahme, dass in Deutschland inzwischen sein Patent auf eine andere Steinmasse anerkannt sei. Doch im November 1887 siegt der Anker-Baukasten-Produzent Richter in zweiter Instanz. Er gibt sich geschlagen.

„Die Briefe zeigen, wie Gustav mit aller Macht versucht, sich als Geschäftsmann aus dem Schatten seines älteren Bruders Otto zu lösen“, sagt Lukasch. Die Dokumente erweitern den Bestand der Originale im Lilienthal-Museum in der Geburtsstadt der beiden Erfinder.

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