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Als die Ostsee komplett gefroren war : Anker als Retter aus dem Ostsee-Eis

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Als Georg Zoller im November 1962 als 20-Jähriger auf Mittelmeerreise ging, ahnte er noch nicht, dass er bei seiner Rückkehr den strengsten Winter des 20. Jahrhunderts auf der zugefrorenen Ostsee verbringen wird.

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erstellt am 28.Feb.2013 | 06:48 Uhr

Rostock | Georg Zoller kannte nur das Eis vom Dorfteich. Als er im November 1962 als 20-jähriger Matrose auf Mittelmeerreise ging, ahnte er noch nicht, dass er bei seiner Rückkehr den strengsten Winter des 20. Jahrhunderts auf der Ostsee verbringen wird - auf der zugefrorenen Ostsee, mit einer Eisschicht bis zu 25 Zentimetern. Drei Tage brauchten er und seine Kameraden, um von Skagen, der nördlichsten Stadt Dänemarks, nach Wismar zu kommen. Eine Strecke, die sonst in wenigen Stunden zurückgelegt wird. "Wenn ich heute an einen richtigen Winter denke, dann an diesen von 1962/63", so Zoller. 50 Jahre ist das nun her.

Es war der 26. November 1962, ein Montag, als Zoller als Decksmann zu seiner ersten Schiffsreise aufbrach. Er wollte etwas von Welt sehen, nicht zu Hause bleiben. Mit dem Alt-Tonnageschiff "MS Stars" sollte es ins Mittelmeer gehen. "Das war so ein alter Kasten, aussortiert von der BRD und schon damals nicht mehr so ganz modern", sagt Zoller. Ziel der Reise waren die großen Häfen in Griechenland, dem Libanon, der Türkei und Ägypten. Zurück ging es über den Westen. Häfen wie Lissabon und Antwerpen wurden angelaufen. Noch heute hat Zoller die Bilder von damals im Kopf. "Ich war wie geblendet, als wir abends in Antwerpen einliefen, überall diese Lichter und der Glanz."

Bevor es zurück in die Ostsee ging, machte die Mannschaft der "MS Stars" noch einen Zwischenstopp in Liverpool. Leicht bekleidet für die Jahreszeit bewegten sich die Männer an Deck. "Wir hatten nur T-Shirts an, der Golfstrom sorgte auch im November für milde Luft", so Zoller. Mit dem, was einen Tag später folgte, hatte niemand von ihnen gerechnet.

Wie in Sibirien sei es gewesen, erinnert sich der 70-Jährige. Ein strahlend blauer Himmel und unter den Matrosen lag eine dicke Eisschicht. "Auf einmal machte es rums und wir steckten mitten im Eis", erzählt Zoller. Mit warmen Filzstiefeln und langen Pelzmänteln ging es für die Matrosen auf Deck. Um nicht im Eis stecken zu bleiben, ließen Zoller und seine Kollegen den Anker auf das Eis fallen. "Das Eis zerschlug, wir fuhren vor und wieder zurück und konnten so immer ein bisschen an Weg gewinnen." Drei Tage lang schlugen sich die Männer durch die zugefrorene Eisschicht, bis sie endlich wieder in Wismar ankamen.

Genau 50 Jahre ist es nun her, dass die Ostsee zum letzten Mal komplett zugefroren war. Im März 1963 ging der Jahrhundertwinter zu Ende. Meteorologen zählten in dieser Zeit 55 Eistage - 81 Tage lang gab es eine geschlossene Schneedecke. Eine ungewöhnlich lange Frostdauer sorgte für Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius. Und diese war nötig, um das mehr als 410 000 Quadratkilometer große Binnenmeer in eine Eisschicht zu verwandeln.

Zuletzt registrierte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mit Sitz in Rostock 1995/96 einen Eiswinter. Doch zu dieser Zeit sei die Ostsee nur teilweise vereist gewesen. Generell haben die Eiswinter in den vergangenen 50 Jahren stark abgenommen. So sank im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte die Zahl der jährlichen Eistage ebenso wie die Häufigkeit der Eisauftritte. Einzelne starke Kälteeinbrüche mit einem halben Meter Eisdecke auf der Ostsee würden die Ausnahme bilden, stellte vor Kurzem Natalija Schmelzer vom BSH fest. Gemeinsam mit ihrem Chef Jürgen Holfort hat sie die Datensätze in einem 50-Jahre-Eisatlas zusammengefasst.

Das Ergebnis: Die Winter am Meer werden immer milder, ein deutlicher Temperaturschwung von einem bis zwei Grad Celsius wurde aufgezeichnet. Das Eis zieht sich immer mehr von den Küsten zurück. Dass es noch einmal einen richtig knackigen Winter mit zugefrorener Ostsee geben wird, könne Schmelzer jedoch nicht ausschließen. Denn längerfristige Vorhersagen seien fast unmöglich. So seien keineswegs die Minusgrade die alles entscheide Voraussetzung, ob auf Gewässern ein Eispanzer wächst. Auch die Windrichtung und -stärke, die Niederschläge und der Salzgehalt des Wassers spielen eine Rolle.

Für das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie ist der harte Winter zu Ende. Für diese Saison sendete das Amt am Montag in Rostock den vorläufig letzten Eisbericht für die deutsche Ostseeküste. Zwar treiben stellenweise noch kleine Eisschollen in den Buchten etwa von Rügen und Hiddensee sowie in den Boddengewässern. In dieser Woche werde auch das restliche Eis in den Gewässern vollständig schmelzen. Durch die auf bis zu plus fünf Grad ansteigenden Lufttemperaturen taue das in der Nacht gebildete Neueis tagsüber schnell wieder auf.

Georg Zoller hat noch heute das Fahrtenbuch seiner ersten Mittelmeerreise auf der "MS Stars" zu Hause. Gerne erinnere er sich an den Winter 1962/63. Es sei eine der beeindruckensten Fahrten in den sechs Jahren als Matrose gewesen.

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