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Mecklenburg-Vorpommern

24. September 2017 | 08:59 Uhr

Anitas Peiniger wohnt direkt nebenan

vom

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erstellt am 05.Jun.2013 | 08:08 Uhr

Schwerin | Anita Gerke* hat Angst. Das traumatische Erlebnis vom Januar dieses Jahres verfolgt sie noch immer. Am Tag kann sie sich nicht konzentrieren, in der Nacht kaum schlafen. Die Vergewaltigung hat ihr Leben verändert. Jetzt bekommt ihre Angst neue Nahrung. "Wir haben erfahren, dass ihr Peiniger möglicherweise Anfang Juli aus der Untersuchungshaft entlassen wird", sagt Wolfgang Winterfeld, der sich als Mitarbeiter im Opferschutzverein "Weisser Ring" um die 49-Jährige kümmert. Die zuständige 3. Große Strafkammer am Schweriner Landgericht habe angezeigt, dass sie es wegen Überlastung nicht schafft, den Prozess innerhalb der vorgeschriebenen Sechs-Monats-Frist zu beginnen. Bei Rechtsanwältin Christine Habetha, die Anita Gerke als Nebenklagevertreterin zur Seite steht, schrillen alle Alarmglocken. "Der Mann wohnt in der gleichen Straße wie meine Mandantin. Allein der Gedanke, ihren Vergewaltiger wieder in der Nachbarschaft zu wissen, wäre unerträglich für Frau Gerke". Deshalb setzen Christine Habetha und Wolfgang Winterfeld alle Hebel in Bewegung, um eine vorzeitige Entlassung des mutmaßlichen Sexualstraftäters zu verhindern. Sie habe eine Reihe von Persönlichkeiten und Institutionen angeschrieben - darunter auch die Justizministerin, sagt die Rechtsanwältin. "Die Belastungssituation der Richter muss ernsthaft geprüft werden", fordert sie. Ob nun tatsächlich überlastet oder nicht - ein Streit um Personalstellen dürfe nicht auf dem Rücken der Opfer ausgetragen werden.

Der 50-jährige Angeklagte soll die Tat weitgehend eingeräumt haben. "Er ist ein Nachbar, der eines Abends bei Anita Gerke klingelte", sagt Wolfgang Winterfeld. Die Frau lebe allein. Er habe sie ins Haus gedrängt, mit einem Messer bedroht und danach vergewaltigt. Dass er eine Tatwaffe dabei hatte, bestreite er bislang. Anita Gerke hat sich in ihrer Not noch in der gleichen Nacht an Freunde gewandt. Die Polizei wurde eingeschaltet und der Nachbar festgenommen. Seit Januar sitzt er dem Gericht zufolge in Untersuchungshaft. Nach Ansicht der Nebenklagevertreterin kein komplizierter Sachverhalt, der einen langwierigen Prozess erfordern würde.

"Die Anklage liegt seit dem 23. Mai im Gericht vor", sagt Gerichtssprecher Detlef Baalcke. Das Hauptverfahren sei bislang weder eröffnet noch terminiert. Erst im Oktober hatte die Justizministerin zwei Strafrechtler aus ihrer Behörde abgeordnet, um die 3. Große Strafkammer zu unterstützen. Die hatte damals bereits Überlastung angezeigt und für Aufsehen gesorgt, weil zwei Tatverdächtige - ein Gewohnheitseinbrecher und ein Drogenhändler - entlassen werden mussten, weil ihr Prozess nicht rechtzeitig beginnen konnte. So wurde eine vierte Strafkammer eingerichtet, auch mit Unterstützung von Richtern aus dem zivilen Bereich. Inzwischen hat sich die Personalsituation wieder verändert. Eine Richterin starb unerwartet, der langjährige Vizepräsident ist zum Richter am Bundesgerichtshof ernannt worden, ein Kollege ging an ein Amtsgericht und einer in die Staatskanzlei. "Jetzt sind weniger Richter am Landgericht als im vorigen Herbst", sagt Detlef Baalcke. Aus seiner Sicht ist es notwendig, Stellen zeitnah wieder zu besetzen, wenn ein Richter das Haus verlässt. Der Richterbund beklagt seit Langem eine zu dünne Personaldecke und wird nicht müde, Neueinstellungen zu fordern - acht bis zehn neue Stellen pro Jahr statt des geplanten Abbaus.

Noch ist nicht entschieden, ob der mutmaßliche Vergewaltiger von Anita Gerke tatsächlich auf freien Fuß kommt. Die Untersuchungshaft darf in der Regel nicht länger als sechs Monate dauern, dann muss der Prozess beginnen. Die Frist wäre Anfang Juli um. Die Staatsanwaltschaft hat bereits angekündigt, einer Entlassung nicht zuzustimmen. Über eine Beschwerde müsste das Oberlandesgericht entscheiden.

*Name geändert

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