Angler isst Beute nicht : Angelvergnügen der anderen Art

Ein appetitlicher Anblick. Doch Marco Fust, der Hechtangler vom Schweriner See, verspeist seine Fänge nicht. Er schenkt ihnen die Freiheit.
Ein appetitlicher Anblick. Doch Marco Fust, der Hechtangler vom Schweriner See, verspeist seine Fänge nicht. Er schenkt ihnen die Freiheit.

Fischguide Marco Fust verdient sein Brot mit Hechten, die niemand isst

svz.de von
18. März 2016, 06:30 Uhr

Marco Fust verkörpert für viele das, was man einen tollen Hecht nennt. Er trägt ein knalliges Basecap, hat eine coole Sonnenbrille auf der Nase und ordentlich PS unterm Hintern. Beinahe das ganze Jahr über verbringt der Mann auf dem Wasser; nur dickes Eis kann ihn davon abhalten, mit seiner Angelausrüstung hinaus auf den Schweriner See zu schippern und den zu jagen, der selbst ein aggressiver Räuber ist – den Hecht. Inzwischen verdient der 35-Jährige sogar sein Geld mit Hechtsafari. Zu ihm kommen Männer aus aller Welt, vor allem aber aus den alten Bundesländern. Bereits im März trudeln die ersten Buchungen ein und dann starten sie in Bad Kleinen am Schwerin Außensee bei mickrigen zwei Grad Wassertemperatur. Richtig von Erfolg gekrönt sei die Tour aber meist erst, gesteht der Angelführer, wenn die Temperaturen auf zehn Grad geklettert sind und der Hecht in Frühlingsstimmung kommt.

Im vergangenen Jahr wurde der Hecht vom Bundesamt für Naturschutz und weiteren Verbänden zum Fisch des Jahres 2016 gekürt. Weiß Marco das? Er schüt-telt den Kopf. Die Ehrung erfuhr der Hecht, mit wissenschaftlichem Namen Esox lucius, keineswegs, weil er auf der Roten Liste als gefährdet gilt. Er ist jedoch auf intakte Uferbereiche angewiesen, die ihm als Rückzugsraum und Laichplatz dienen. Uferzonen sind so eine Sache. Selbst auf dem Schweriner See. Auch Marco Fust findet, dass er an schönen Tagen viel zu voll gestopft ist mit Booten und überdimensionierten Yachten. Und noch einer ist zu viel auf dem Schweriner See: der Kormoran. Der wirbelt gewaltig was durcheinander. Zum einen frisst er den Fischern haufenweise Flossen weg, zum anderen verbreitet er bei den übrigen Wasserbewohnern Angst und Schrecken. „Der See ist sehr klar geworden“, sagt Marco Fust. „Stellenweise gibt es Sichttiefen von 20 Metern. Normalerweise halten sich die Hechte, zumindest beim Laichen und Beute fangen, in Ufernähe auf. Doch das trauen sie sich ebenso wie die Barsche und andere Fische nicht mehr. Sie wissen, dass ihnen dort die Kormorane auflauern. Wir haben schon große Hechte geangelt, die angestochen waren.“

Finden tut Marco Fust die dicken Brocken trotzdem, egal, wo sie sich verstecken. Dafür ist er einfach Profi. Jahrelang war er als Angelguide beim Team Bodden auf Rügen dabei. Er fand sich in Fachzeitschriften und auf Angel-DVDs wieder. Doch irgendwann saß er zu Hause in Bad Kleinen, in seiner umgebauten elterlichen Ferienhütte, sah seine Frau und Tochter an und dachte: „Du hast den See direkt vor der Haustür. Warum bietest du die Touren nicht hier an? Auf dem See, auf dem dich als kleinen Jungen das Fieber gepackt hat.“ Daraufhin rief er 2006 seine Hechtsafari ins Leben und verdient seitdem sein Brot auf dem Schweriner See, mal abgesehen vom Zweitjob im Winter in der Angelabteilung eines Baumarktes, von den Fischereischeinlehrgängen und kleinen Seerundfahrten. In seiner erfrischend lockeren Art begrüßt Marco Fust seine Gäste, die so unterschiedlich sind, wie das Leben selbst.

Manche von ihnen haben noch nie eine Angel in der Hand gehalten. Dann stehen sie mit eingeschweißter Lidl-Ausrüstung vor ihm. „Macht nischt“, denkt er dann. „Macht nischt“, denkt er auch, wenn welche mit sechs Meter langen Brandungsruten anrücken. Zu viert versuchen die Männer dann ihr Glück. Haben sie per Echolot die Silhouette eines schönen Tieres ausfindig gemacht, führen sie es quasi an der Nase herum. Langsam hebt und senkt sich ihr Köder, bis der Hecht blitzartig zuschnappt. Diese Art von Angeln verbraucht 90 Prozent Geduld. Marco Fust liebt es actiongeladener. Er lässt sich am liebsten mit einem Driftsack über das Wasser treiben. Der Fallschirm, der hinterhergezogen wird, verhindert, dass ein Anker gesetzt werden muss. Und dann sausen die Haken oder besser Wobbler durch die Luft, quietschbunte Gummifische, die aussehen wie Kinderspielzeug und mal eben schlappe 25 Euro kosten. Das tut weh, wenn so einer verloren geht. Hechte sind nicht eben zimperlich. Peitschend kämpfen sie um ihr Leben.

Erst wenn sie müde sind, können die Männer zupacken. Der Kescher nützt da oft wenig, vor allem, wenn Marco Fust allein unterwegs ist. Beherzt greift der Mann mit dem ausgeprägten Jagdinstinkt dann von unten dem Fisch an die Kiemen. Dabei berührt er einige spitze Zähne. „Meine Hände sind eigentlich immer blutig“, er-zählt der Angelguide. „Es blutet dann den ganzen Tag.“ Doch die Schmerzen spürt er kaum, sie betäubt das Glücksgefühl. Kraftvoll stemmt er den lang ge-streckten Fischkörper mit dem entenschnabelartigen Maul in die Höhe. Ein Foto muss sein. Der größte Hecht, den Marco Fust bis jetzt ins Boot hievte, war 1,26 Meter lang und brachte 15,5 Kilo auf die Wage. Von so einem Vieh träumen seine Gäste. Doch auch sie machen an guten Tagen beachtliche Fänge. Es ist dieser Augenblick, auf den sie alle gewartet haben. Nicht mehr. Denn anders als beim Ostseeangeln oder Norwegenurlaub kehren die Petrijünger nicht mit Kisten voller Fisch nach Hause zurück. Sogar auf die Trophäen müssen sie verzichten. Konservierte Hechtköpfe, aus denen die Zähne blitzen, gehören der Vergangenheit an. „Nur ganz selten, wenn ein kleines Exemplar darunter ist oder ein Fisch am Kiefer so verletzt ist, das er nicht überleben würde, wird er verputzt.

Ansonsten kommen alle Fänge zurück in den See. „Wir angeln nach der Methode catch and release“, betont Marco Fust, der aus Prinzip keinen Hecht isst. Schließlich ist er sein Brotfisch. Dass Freunde und Familienangehörige zu ihm sagen: „Du bist ja total verrückt, warum isst du ihn nicht?“, hält er gern Schulter zuckend aus. Da räuchert er sich lieber mal ein paar Barsche oder im Teich gefangene Forellen in seiner selbst gebastelten Tonne. „Hmm lecker!“, denkt Marco Fust und leckt sich dann die Finger. „Was sind schon Hechtklößchen gegen den Geschmack von Forellen? Und was ist schöner als die Gewissheit, dass dort draußen auf dem See kapitale Hechte quicklebendig ihre Bahn ziehen?“

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