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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 13:28 Uhr

Angeklagter will Tatort nicht betreten

vom

svz.de von
erstellt am 10.Aug.2012 | 09:36 Uhr

Groß Klein | Gerichtstermin am Ort der Tragödie: An dem Mehrfamilienhaus, aus dem Karsten T. am 11. Januar seine dreijährige Tochter geworfen haben soll, trafen sich gestern Staatsanwaltschaft, Verteidigung, der Vorsitzende Richter, ein Zeuge und der Angeklagte selbst. Die Verhandlung, in der sich der 43-Jährige verantworten muss, weil er die kleine Jessie über die Balkonbrüstung acht Meter in die Tiefe geworfen haben soll, begann am 28. Juni.

Karsten T. hat bisher den Tatvorwurf bestritten und angegeben, zur Tatzeit einen Zuckerschock gehabt zu haben. Deshalb könne er sich an nichts erinnern. Nach seiner Meinung und der einiger Familienangehöriger könnte die Dreijährige eigenmächtig über die Brüstung oder aus dem Küchenfenster geklettert und runtergefallen sein.

Karstens T.s Verteidigerin, Katja Milewski aus Warnemünde, gelang es gestern nicht, ihren Mandanten, der an dem Ortstermin teilnehmen sollte, zum Verlassen des Polizeiautos zu bewegen. Er widersetzte sich den Anordnungen des Vorsitzenden Richters und weigerte sich kategorisch, seine ehemalige Wohnung zu betreten.

Im 3. Stock des Hauses im Blockmacherring 49 besichtigte das Gericht das Wohnzimmer und den davor liegenden Balkon sowie die sich anschließende Küche. Der gestrige Zeuge, Kriminaltechniker Jens M. (51), der noch am Tatabend die gesamte Situation in der Wohnung dokumentiert und Spuren gesichert hatte, vermaß erneut die Abstände vom Balkon bis zum Erdboden sowie die Entfernung des unten stehenden Baumes vom Balkon, die 2,10 Meter beträgt. Am Tatabend waren abgebrochene Zweige des Baumes gesichert und dem Labor übergeben worden. Den Ermittlungen nach befanden sich Faserreste der Kleidung des Kindes an den Zweigen. An der Balkonbrüstung aber nicht. Der Kriminaltechniker bestätigte noch einmal, dass das Küchenfenster und die Balkontür geschlossen waren, als er am Tatabend in der Wohnung eintraf. Weder auf dem Balkon noch in der Küche hätte sich ein Gegenstand befunden, auf den das kleine Mädchen hätte klettern können. So bliebe nur eine Schlussfolgerung, dass der Angeklagte seine dreijährige Tochter über den Balkon warf, wie es Nachbarn anzeigten.

Eine Rentnerin und eine Mieterin aus der zweiten Etage hatten das Kind wimmernd, am ganzen Körper zitternd und für den kalten Januarabend völlig unzureichend gekleidet am Boden unter dem Balkon gefunden. "Papa ist böse", sagte das Kind immer wieder, und: "Er hat mich vom Balkon geschmeißt." Der am Haus stehende Baum hatte seinen Sturz offensichtlich so stark abgefedert, dass das Kind nur Schürfwunden und Hämatome erlitt.

Die Mutter des Kindes hatte sich vor zwei Jahren von Karsten T. getrennt. Sie brachte das Kind jedes Wochenende zu ihm in die Wohnung, die sich nach Meinung der Kriminalbeamten in einem verwahrlosten Zustand befand. Die Mutter beschrieb ihren ehemaligen Lebenspartner als liebevollen Vater, dem sie eine solche Tat nicht zutraue. Der Prozess vor dem Landgericht wird am 16. August fortgesetzt.

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