Schießerei in Lutheran : Angeklagter: Polizei nicht erkannt

Mit den Spielzeugautos will ein Sachverständiger den Polizeieinsatz in Lutheran nachstellen.
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Mit den Spielzeugautos will ein Sachverständiger den Polizeieinsatz in Lutheran nachstellen.

Prozess um Polizeieinsatz: Angeklagter widerspricht Tatvorwurf, mit seinem Wagen eine Sperre durchbrochen zu haben.

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23. Januar 2018, 20:55 Uhr

Am Ende eines Polizeieinsatzes in Lutheran bei Lübz wurde der Fahrer eines bulligen Pickup-Trucks schwerverletzt aus seinem Auto gezogen. Ein Beamter hatte ihm eine Kugel durchs rechte Auge geschossen. Dennoch muss er sich seit heute vor dem Amtsgericht Ludwigslust verantworten. Widerstand gegen Polizeibeamte und gefährliche Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft dem angeklagten Lackierer vor. Er habe vor seiner Festnahme fliehen wollen und dabei einen Polizisten am Bein verletzt. Ein Amtsrichter und zwei Schöffinnen sollen nun beurteilen, was an dem dramatischen Einsatz eines Mobilen Einsatzkommandos (MEK) der Hamburger Polizei schiefgelaufen ist – und wer dafür verantwortlich ist.

Der 29 Jahre alte Angeklagte bestritt sowohl den Fluchtversuch als auch eine bewusste Verletzung des Polizisten. Als er am 12. Februar 2016 vor dem Schlachtergeschäft in Lutheran hielt, stürmten plötzlich bewaffnete Vermummte auf ihn zu. Er habe an einen Überfall geglaubt. „Dann hat es geknallt und es wurde hell in meinem Kopf.“ An mehr kann er sich nicht erinnern.

Um ihre Identität zu verbergen und spätere verdeckte Einsätze nicht zu gefährden, saßen nacheinander acht MEK-Beamte mit Perücken und Brillen getarnt auf dem Zeugenstuhl und erzählten eine andere Geschichte. Sie hatten den Pickup, den sich der Angeklagte von einem Bekannten geliehen hatte, seit Boizenburg verfolgt. Das MEK vermutete fälschlicherweise den im Hamburger Rotlichtmilieu bekannten und zur Fahndung ausgeschriebenen Pickup-Besitzer auf dem Beifahrersitz. Hätte das MEK den Beifahrer richtig identifiziert, wäre wohl der Zugriff in Lutheran mit seinen fatalen Folgen unterblieben.

Als der Pickup in Lutheran hielt, versuchten zwei der fünf zivilen Polizeifahrzeuge, ihm den Weg zu versperren, so die MEK-Beamten. Sie sprangen aus ihren Wagen, riefen deutlich „Polizei, nicht bewegen“. Da sei der Pickup „mit Vollgas nach vorne marschiert“, sagte ein MEK-Beamter. Der Pickup rammte einen Polizeiwagen und schob ihn vor sich her, wodurch ein Beamter leicht am Bein verletzt wurde. Es fielen, so die Polizisten, zwei Warnschüsse, bevor ein Beamter auf den Fahrer schoss.

Der Angeklagte will Rufe und Warnschüsse nicht gehört und auch keine Polizeikennzeichnungen gesehen haben. Einer der Zeugen zeigte Verständnis für den Angeklagten, der sich offenbar nicht vorstellen konnte, dass eine Festnahme derart ablaufen kann. Andererseits, so der Polizist, einen solch vehementen Fluchtversuch habe er auch noch nicht erlebt.

Nach Ansicht des Verteidigers waren die MEK-Beamten „im Jagdfieber“. Sie hätten mit der eigentlich gesuchten Rotlicht-Größe noch eine Rechnung offen gehabt. Er will bei einem Gericht in Hamburg mindestens 90 000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld für seinen Mandanten einklagen. Der Polizist, der auf den Angeklagten schoss, verweigerte als Zeuge die Aussage, denn die Ermittlungen gegen ihn sind nur vorläufig eingestellt. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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