Untreueprozess : Angeklagte Anwältin schweigt

Seit gestern muss sich eine Rechtsanwältin vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der 50-Jährigen vor, ihren Betreuungsauftrag zum Nachteil einer heute 88-jährigen Neubrandenburgerin missbraucht zu haben.

svz.de von
15. Juni 2012, 09:40 Uhr

Neubrandenburg | Seit gestern muss sich eine Rechtsanwältin aus einem Dorf bei Neubrandenburg vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der 50-Jährigen vor, ihren Betreuungsauftrag zum Nachteil einer heute 88-jährigen Neubrandenburgerin missbraucht zu haben. Sie selbst äußerte sich bei der gestrigen Verhandlung nicht zu den Vorwürfen.

Die Vorwürfe des Staatsanwaltes Andreas Lins wogen umso schwerer. Am 9. März 2006 sei die Anwältin vom Amtsgericht Neubrandenburg zur Berufsbetreuerin für die damals 82-jährige Edith J. bestellt worden. Bereits einen Monat später, am 21. April 2006, habe sie im Namen von Edith J. einen Darlehensvertrag mit der Finanzfirma ihres Mannes geschlossen. Laut Vertrag gewährte Edith J. diesem Unternehmen einen Kredit über 40 000 Euro - nahezu das gesamte Vermögen der alten Dame. Der Verteidiger der Angeklagten machte geltend, dass das Geld in höheren Zinsen angelegt werden sollte, die der Rentnerin zugute kommen sollten.

Noch am Tag des Vertragsschlusses holte die Betreuerin das Geld vom Sparbuch ab und zahlte es in bar auf ein Firmenkonto ihres Mannes, sagte Staatsanwalt Andreas Lins. Eine für einen solchen Darlehensvertrag nötige Gestattung durch das Vormundschaftsgericht habe nicht vorgelegen.

Innerhalb kürzester Zeit sei das Geld verbraucht worden - vor allem für Gehaltszahlungen an den Ehemann, für Sozialversicherungsabgaben und Mietzahlungen an sich selbst. Die Firma hatte ihren Sitz an der Neubrandenburger Kanzleiadresse. Das Geld von Edith J. sei weder als Kapitalanlage verwendet noch sei es korrekt in der Finanzfirma ausgewiesen worden. Später sei die Firma verkauft worden, dann ging sie in Insolvenz.

Das Darlehen sei weder "mündelsicher" noch gestattungsfähig gewesen, erklärte Andreas Lins. Erst nach zehn Jahren, wenn Edith J. 93 Jahre alt wäre, sollte sie eine Rückzahlung des Darlehens beanspruchen können.

Die Betreute wehrte sich aber gegen diese Verwendung ihres Geldes - sie wollte ihr Sparbuch zurück, sagte sie gestern als Zeugin aus. Seit 2007 hat sie eine andere Betreuerin. Ein Zivilverfahren endete mit einem Vergleich: Edith J. erhält das Geld nun in Ratenzahlungen zurück. Der Rechtsanwältin sei die Unrechtmäßigkeit ihres Handelns sehr bewusst gewesen, sagte Lins. Dafür hätten einige Verschleierungshandlungen gesprochen, mit denen sie das Vormundschaftsgericht über die wahre Verwendung des Geldes täuschen wollte.

Gestern wurden nicht nur die neue Betreuerin, sondern auch eine Richterin sowie zwei Rechtspflegerinnen als Zeuginnen gehört. Eine der Rechtspflegerinnen, die das Betreuungsverfahren von Anfang an betreut hatte, konnte sich an nichts erinnern. Ihre Kollegin, die mit der Angelegenheit später zu tun hatte, machte allerdings widersprüchliche Angaben. Laut Polizeiprotokoll habe sie bei einer Anhörung ausgesagt, dass ein solches Darlehen weder genehmigungsfähig noch mündelsicher sei, hielt ihr der Staatsanwalt vor. Gestern bestritt sie aber nicht nur diese Aussage, sondern vertrat auch eine andere Auffassung.

Laut Staatsanwaltschaft sind solche illegalen Verfahren "auf dem grauen Betreuungsmarkt" inzwischen keine Seltenheit mehr, aber der Nachweis schwierig und aufwendig zu führen. Die Angeklagte hatte wegen Untreue zunächst einen Strafbefehl über rund 20 000 Euro erhalten, dagegen aber Rechtsmittel eingelegt. Eine Betreuungsrichterin, die den Fall kannte, erklärte vor Gericht: "Das war kein gewöhnlicher Betreuungsfall." Ein ständiger Streit zwischen der Rentnerin und ihrer Tochter habe sich auf die Anwältin, die der Familie bekannt war, übertragen. Sie wäre aber bei keinem Rechtsanwalt auf die Idee gekommen, dass da etwas nicht richtig läuft.

Zu einem Urteil kam es gestern noch nicht, der Prozess wurde am Nachmittag überraschend auf den 2. Juli vertagt, da das Gericht noch einen Zeuge hören möchte. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es derzeit 280 Rechtsanwälte, die als Berufsbetreuer tätig sind, teilte das Justizministerium gestern mit.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen