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Mecklenburg-Vorpommern

17. November 2017 | 20:40 Uhr

NSU : Angehörige trauern gemeinsam

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

NSU-Opfern in Rostock gedacht – Ombudsfrau der Bundesregierung organisiert gemeinsames Treffen der Familien

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 21:30 Uhr

Als Mustafa Turgut am Neudierkower Weg eintrifft, ist er sichtlich bewegt. Er steht an dem Ort, an dem sein Bruder Mehmet am 25. Februar 2004 mit Schüssen in Hals, Nacken und Kopf hingerichtet wurde. Die Täter: Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

„Ich war gerade neun Jahre alt, als mein Bruder ermordet wurde“, erzählt er. Was dort, fern von seiner Heimat Türkei geschah, war für ihn nicht greifbar. „Meine Eltern haben sehr lange und intensiv getrauert“, erinnert sich Mustafa. Für ihn selbst sei es schmerzhaft, den Ort zu besuchen, der tiefe Wunden bei seiner Familie hinterlassen hat. Dennoch ist er gekommen – gemeinsam mit Angehörigen anderer NSU-Opfer. Prof. Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung, hat die Reise initiiert. Besucht werden die Orte des Gedenkens – wie das Mahnmal im Neudierkower Weg. Mehmet Turgut hatte dort in einem Imbiss gearbeitet, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf ihn schossen. Das Mahnmal zeigt zwei Bänke, die parallel, aber versetzt stehen. Sie sollen einen Dialog anregen, zum Verweilen und Erinnern einladen.

„Dass an den Tatorten Denkmäler gesetzt wurden, zeigt den Familien, dass man Verantwortung übernommen hat“, sagt John. Zudem biete der Besuch den Opfer-Angehörigen eine Möglichkeit sich auszutauschen. Der Tenor unter den Hinterbliebenen sei eindeutig: „Sie wollen keine Opfer mehr sein. Sie mussten nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen ertragen, sondern haben auch gesellschaftliche Isolation erfahren. Nun fordern sie nichts weiter als Gerechtigkeit für das, was passiert ist“, erklärt John.

Einer der Angehörigen ist Osman Tasköprü. Er verlor seinen Bruder Süleyman am 27. Juni 2001. „Ich will, dass die Leute bestraft werden, die für den Tod meines Bruders verantwortlich sind. Nicht nur Beate Zschäpe, auch die Hintermänner der Terrorzelle sollen zur Verantwortung gezogen werden“, so Tasköprü.

Wie Mehmet Turgut wurde auch Süleyman Tasköprü durch drei Schüsse getötet. „Wir führten einen Obst- und Gemüsehandel, ein Familienbetrieb. Ich wollte den Laden zwei Monate vor der Tat verkaufen, aber Süleyman weigerte sich. Er könne die Geschäfte übernehmen, sagte er“, so Osman. „Diese Tat, diese drei Kopfschüsse, hätten uns alle treffen können. Ich hatte lange Schuldgefühle, fiel drei Jahre in ein tiefes Loch. Nur mein kleiner Sohn konnte mich da wieder rausholen.“

Der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München ist derweil noch lange nicht beendet. Auf das Konto der Terror-Gruppe gehen mehr als ein Dutzend Banküberfälle, unter anderem in Stralsund, ein Bombenanschlag, ein Nagelbombenattentat sowie neun Morde an Kleinunternehmern mit Mitgrationshintergrund.

Seit November 2011 werden die Verbrechen dem Nationalsozialistischen Untergrund zugeordnet. Die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die im selben Jahr Suizid begingen, stehen unter Mordverdacht. Zschäpe wurde als mutmaßliches NSU-Mitglied angeklagt. Der Prozess begann im Mai 2013. Doch die Angeklagte schweigt.

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