Lesertelefon Demenz : Angehörige brauchen Entlastung

Demenzkranke vergessen manchmal sogar, wie sie heißen und wo sie wohnen – ein Adressschild am Schlüssel kann dann hilfreich sein.  Foto: dpa
Demenzkranke vergessen manchmal sogar, wie sie heißen und wo sie wohnen – ein Adressschild am Schlüssel kann dann hilfreich sein. Foto: dpa

Wie macht sich eine Demenz bemerkbar und wo gibt es Hilfen? Experten beantworteten heute am Telefon Fragen unserer Leser

svz.de von
19. September 2017, 20:55 Uhr

Mein Vater hat seit vier Jahren eine Demenz. Meine Eltern haben zu „gesunden“ Zeiten eine Vorsorgevollmacht getroffen und sich gegenseitig eingesetzt sowie mich. Nun hat sich mein Bruder gemeldet, welcher seit Jahren keinen Kontakt zu meinen Eltern gepflegt hat. Er meint, die Vollmacht ist nicht gültig, da keine notarielle Beglaubigung vorliegt und die Eltern auch ein eigenes Haus besitzen. Was ist jetzt zu tun?
Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass Ihre Eltern zu gesunden Zeiten eine Vollmacht abgeschlossen haben, so dass jetzt bei Vorliegen der Demenz Ihres Vaters die Ehefrau als auch sie vertretungsberechtigt sind. Grundsätzlich ist keine notarielle Beglaubigung erforderlich, damit eine Vollmacht gültig ist. Grundsätzlich benötigt man bei Immobilien eine notariell beglaubigte Vollmacht. Ich rate Ihnen, sich bei der Betreuungsbehörde Ihres Landkreises diesbezüglich einen Termin zu besorgen und sich beraten zu lassen, wie Sie jetzt weiter vorgehen sollten. Sie können auch gleich einen Termin bei einem Notar machen oder sich Rechtsberatung bei einem Anwalt einholen.

Unsere Oma hat eine diagnostizierte Demenz. Eigentlich ist sie noch recht selbstständig, benötigt aber immer wieder Hilfestellungen im Alltag. Sie wohnt bei ihrer Tochter mit im Haus. Nachts ist sie öfter unruhig und will zu ihrem Ehemann. Der ist jedoch vor mehreren Jahren verstorben. Nun habe ich gehört, dass auch Menschen bei beginnender Demenz bereits einen Pflegegrad bekommen können. Stimmt das?
Ja das stimmt. Bei der Einstufung in einem Pflegegrad zählt nicht ausschließlich die Beeinträchtigung bei der Körperpflege. Seit dem 1. Januar 2017 werden andere Parameter berücksichtigt. Es wird gefragt, ob die Pflegebedürftige Personen aus dem näheren Umfeld erkennt, wie die Orientierung ist, ob es psychische Problemlagen gibt wie Ängste oder nächtliche Unruhe und wie sie die Gestaltung des Alltagslebens und der sozialen Kontakte übernehmen kann. Es wird auch nicht mehr die Zeit je Pflegehandlung berücksichtigt, sondern der Grad der Selbstständigkeit. Je mehr die Selbstständigkeit beeinträchtigt ist, umso höher ist der Pflegegrad. Bei Pflegegrad 1 kann ihre Oma Entlastungsleistungen bekommen, wie beispielsweise die stundenweise Begleitung und Betreuung durch einen Ehrenamtlichen. Ab Pflegegrad 2 können zusätzliche Leistungen wie die Unterstützung durch einen Pflegedienst oder die Inanspruchnahme der Tagespflege genutzt werden. Diese Kosten sind über die Pflegeversicherung abrechenbar. Der Antrag ist bei der Pflegekasse Ihrer Oma zu stellen. Danach meldet sich der Medizinische Dienst der Krankenversicherung bei ihr an und führt die Begutachtung im Auftrag der Pflegekasse durch.

Meine 80-jährige Frau hat eine vaskuläre Demenz und den Pflegegrad 3. Bisher habe ich sie ganz alleine gepflegt und betreut. Meine Kinder sind der Ansicht, dass ich dringend Entlastung brauche. An wen kann ich mich wenden? Gibt es auch Möglichkeiten, einen gemeinsamen Urlaub zu machen?
Sie können aus dem Leistungsrecht der Pflegeversicherung diverse Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Bisher bekommt Ihre Frau Pflegegeld und Sie nutzen halbjährlich die Beratung durch einen Pflegedienst. Sie können mit dem Pflegedienst darüber sprechen, ob dieser im Rahmen der Pflegesachleistung Sie bei der Körperpflege Ihrer Frau unterstützt. Darüber hinaus gibt es extra Geld für die Inanspruchnahme einer Tagespflege. Sie können aber eine Auszeit nehmen im Rahmen der Urlaubs- und Verhinderungspflege oder Ihre Frau in einer Kurzzeitpflege versorgen lassen. Das sind spezielle stationäre Einrichtungen bzw. viele Pflegeheime haben extra Betten für Pflegebedürftige, welche bis zu vier Wochen dort versorgt werden können. Nutzen Sie auch das Angebot der Entlastungsleistungen wie die stundenweise Betreuung Ihrer Frau.

Sie selbst können und sollten aber auch in eine Selbsthilfegruppe gehen, um sich mit anderen betroffenen Angehörigen auszutauschen oder eine spezielle Schulung für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz besuchen.

Mittlerweile gibt es sehr viele Urlaubsangebote in ganz Deutschland für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Ich rate Ihnen, sich einen Termin bei dem Pflegestützpunkt Ihrer Region geben zu lassen. Hier erhalten Sie unter anderem eine Übersicht über alle Pflegedienste, Tagespflegen, Kurzzeitpflegen, anerkannte Betreuungs- und Entlastungsangebote, Kurzzeitpflegen, Kurse für pflegende Angehörige sowie Selbsthilfegruppen in Ihrer Region. Darüber hinaus kann ich Ihnen auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. - Selbsthilfe Demenz empfehlen. Hier erhalten Sie umfassende Informationen rund um das Thema Demenz und Informationen für pflegende Angehörige von Erkrankten. Sie erreichen die Alzheimer Gesellschaft mit Sitz in Rostock unter der Rufnummer (0381) 208 754 00 bzw. das Alzheimer-Telefon unter (0180) 3 171 017. In Brandenburg ist der entsprechende Landesverband erreichbar unter (0331) 74 09 008.

Mein Mann ist seit einem halben Jahr in der Tagespflege. Erst zwei Tage in der Woche, jetzt jeden Wochentag. Wenn er nach Hause kommt, kann er mir nichts über seinen Tag erzählen, obwohl er mal gut und mal schlecht gelaunt ist. Und ich weiß nicht, was los war. Es gibt so wenig Kontakt zwischen der Tagespflege und mir. Warum ist das so? Was kann ich tun?
Jede Tagespflege hat ihr eigenes Konzept. Darin ist in der Regel auch eine Aussage zur Zusammenarbeit mit den Angehörigen. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, darüber mit der Einrichtungsleitung ins Gespräch zu kommen. Vermutlich gibt es auch Angehörige, die froh sind, dass es einfach läuft mit der Tagespflege und sie sich darum nicht weiter zu kümmern brauchen. Wahrscheinlich wäre eine individuelle Lösung gut: Bitten Sie um einen regelmäßigen Gesprächstermin am Telefon oder in der Tagespflege, fragen Sie nach Beschäftigungsplänen oder Wochenplänen. Die Mitarbeitenden werden es zu schätzen wissen, dass Sie so interessiert sind an ihrer Arbeit. So könnte es ein besseres Miteinander werden.

Seit einiger Zeit fallen mir kleine, viele Veränderungen bei meiner Frau auf: Sie hat Kochrezepte vergessen, die sie früher ohne Nachlesen beherrschte, sie ist so uninteressiert, wenn es um unsere Enkel geht, sie merkt überhaupt nicht, wenn es mir schlecht geht. Sie ist so verändert. Wen kann ich fragen, was ich machen kann?
Sie sollten parallel zwei Dinge in die Wege leiten: Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, vielleicht auch gemeinsam mit Ihrer Frau. Und: Suchen Sie gemeinsam mit Ihrer Frau den Hausarzt auf und schildern Ihre Beobachtungen.

Gleich zu Beginn Hinweise für den Umgang im Alltag durch eine Beratung zu erfahren ist fast genauso wichtig, wie eine sichere Diagnose.

Nutzen Sie Informationsveranstaltungen, die gerade um den Welt-Alzheimertag an vielen Stellen angeboten werden. Bei einer Demenz ist es gut, möglichst früh viele Informationen über Unterstützungsmöglichkeiten zu kennen, damit Sie sich selbst entlasten können.

Nachdem unser Neurologe bei meinem Mann die Diagnose „Demenz, Typ Alzheimer“ gestellt hat, verschrieb er ihm sofort Medikamente. Ich bin aber skeptisch, was die Einnahme von Medikamenten angeht. Wie sinnvoll sind Medikamente bei Demenzerkrankungen wirklich?
Durch antidementive Medikamente kann häufig das weitere Fortschreiten der Gedächtnisstörung für mehrere Jahre deutlich vermindert werden. Antidementive Medikamente können auch mit der Demenzerkrankung einhergehende psychische Verhaltensauffälligkeiten verbessern. Häufig resultieren aus der Demenzerkrankung weitere psychische Verhaltensauffälligkeiten wie etwa Depressivität. In diesem Fall kann auch eine spezielle psychopharmakologische Behandlung sinnvoll sein. Eine wirklich ursächliche Behandlung einer Demenz ist bei den meisten Demenzerkrankungen jedoch nicht möglich.

Kann ich einer Demenzerkrankung vorbeugen?
Es gibt keine Möglichkeit, einer Demenzerkrankung sicher vorzubeugen. Sinnvoll sind jedoch eine regelhafte mäßige körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung und ein aktiver Lebensstil mit auch geistiger Beschäftigung und Pflege von Sozialkontakten. Hierdurch kann das Risiko einer Demenzerkrankung statistisch etwas gemindert werden. Auch werden damit mögliche Fähigkeiten zur Kompensation auftretender kognitiver Defizite trainiert.

Ich höre und lese immer öfter von „Demenz“ und „Alzheimer“. Gibt es zwischen beiden einen Unterschied?
Demenzerkrankung werden alle Erkrankungen genannt, bei denen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten alltagsrelevante Gedächtnisstörungen in Kombination mit weiteren kognitiven Defiziten auftreten. Die Alzheimererkrankung ist nur eine von vielen verschiedenen Ursachen hierfür, stellt aber mit 60 bis 70 Prozent die häufigste Ursache dar.


 

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