Neuanfang mit Tierschutz : Anerkennung ohne Drogen

In seinem Kälber-Hort hat Maik Kindler schon viele Tiere erfolgreich aufgepäppelt.
In seinem Kälber-Hort hat Maik Kindler schon viele Tiere erfolgreich aufgepäppelt.

Eine Suchttherapie hat Maik Kindler einst ein neues Leben geschenkt / Heute setzt er sich für andere ein und engagiert sich im Tierschutz

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24. Juni 2015, 12:00 Uhr

Salvias Hinterbeine zittern. Das drei Wochen alte Kälbchen hat Schmerzen beim Stehen. Trotzdem hat es sich aufgerappelt und trinkt nun gierig aus dem Eimer, den Maik Kindler mit Milch gefüllt hat. „Einem anderen Tier mit gleichen Problemen, das wir aufgepäppelt haben, geht es heute gut“, erzählt der 39-Jährige und blickt zufrieden auf den Appetit seines jüngsten Schützlings. In seinem Kälber-Hort in Grebbin bei Parchim kümmert er sich seit drei Jahren um Tiere, die nach der Geburt für die normale Landwirtschaft zu klein, krank oder schwach sind. Tiere, die ohne ihn wohl sterben würden. Seine Motivation für die kostenintensive Rettung? „Ich bin dem Leben so dankbar, dass ich so viel wie möglich zurückgeben möchte.“

Überlebenswichtige Hilfe, die hat er selbst schon erfahren. Seine Vergangenheit – sie ruht in einer Schatztruhe auf dem Dachboden seines Hauses. Unzählige Briefe, Tagebucheintragungen und Fotos zeugen von der wohl wichtigsten Wendezeit in seinem Leben vor 20 Jahren: seiner Drogensucht-Therapie, die ihn letztlich gerettet hat.

Maik Kindler ist 13 Jahre alt, als seine Welt aus den Fugen gerät. Bei der Aufnahmeprüfung an der Sporthochschule in Berlin verletzt sich der junge Leistungssportler aus Schwerin so schwer, dass ein halbes Jahr lang gar nichts mehr geht. Dann stirbt seine Oma und die Wende bricht über die Familie herein. Viele werden arbeitslos, seine Eltern lassen sich scheiden, alles scheint schwierig und unsicher. Maik sucht Halt im Alkohol. Erst ab und zu, dann täglich. „Ich habe mich in meine eigene Welt zurückgezogen“, sagt er.

Nach der 10. Klasse beginnt er eine Kochlehre in Hessen – und bekommt dort Kontakt zu Drogen. Cannabis, Kokain, Ecstasy. „Ich bin da so reingerutscht“, erzählt er. Wie eine Umarmung habe sich der erste Joint angefühlt. Alles war warm, die Probleme weit weg. Seine Suche nach Liebe und Anerkennung: bei den Drogen glaubt er sie gefunden zu haben. Ein fataler Trugschluss. „Der Moment der Glückseligkeit, das war nur ein sehr kurzer Zeitraum“, erinnert sich Maik Kindler. Was dann folgt, ist eine „ganz, ganz eklige Welt, aus der man alleine nicht mehr rauskommt.“ Angstpsychosen, Nierenschmerzen, dazu kein Ausbildungsabschluss, keine Arbeit, kein Geld. Der junge Mann hält sich wieder öfter in Schwerin auf, doch auch hier gibt es längst eine Szene. Gerade volljährig, ist er am Ende, lässt niemanden mehr an sich ran, dealt selbst, um seine Sucht bezahlen können – und wird erwischt.

Therapie statt Gefängnis: Noch heute ist Maik Kindler dem Polizisten dankbar, der sich damals für ihn eingesetzt hat. Die Entgiftung schmerzt, ist aber schnell vorbei. Das eigentliche Problem ist das Kopfkino. Kurztherapien hält Kindler deshalb für Quatsch. „Ich habe Monate gebraucht, bis ich überhaupt eingesehen habe, dass ich süchtig war“, sagt er. Als einer der ersten Patienten in der damals neuen Fachklinik für Drogenkrankheiten „Schloss Tessin“ bei Wittenburg ist er zunächst geschockt. Er lernt Menschen mit schweren Schicksalen kennen, die teils ihr halbes Leben auf der Straße verbracht haben. Als „Kinder mit gebrochenen Herzen“ nimmt er sie wahr – unabhängig vom tatsächlichen Alter.

Langsam lässt sich Kindler auf die Behandlung ein und entdeckt sich neu. Merkt, wie stark eigentlich sein Bezug zur Natur ist, schöpft Kraft und Hoffnung. „Die Therapie war super, die Leute dort haben einen guten Job gemacht“, ist er sich sicher. Und noch ein Helfer wacht an seiner Seite: Hund Baxi wird für die nächsten 15 Jahre sein treuer Begleiter.

Den braucht er auch, denn nach 16 Monaten unter der „Käseglocke“ muss er in der rauen Realität bestehen. Enttäuschungen, Verluste, Ängste, Kritik, aber auch Hochstimmung – all das gilt es auszuhalten, ohne rückfällig zu werden. Etliche schaffen das nicht. Auch Maik Kindler, der an einer speziellen Schule in Frankfurt am Main zumindest sein Fachabitur nachholen kann, erleidet Rückfälle. Doch die Bewährungsauflage – regelmäßige Kontrollen über vier Jahre – und sein Hund, der Bewegung fordert und keine Depressionen zulässt, helfen ihm schließlich, stark zu bleiben. Seit 1998 ist er clean.

Er baut sich ein neues Leben auf und zieht mit Frau und Tochter zurück in die Heimat – in die Natur und in die Nähe seiner Familie, die ihn die ganze Zeit unterstützt hat. Heute hat er eine kleine Öko-Bau-Firma, engagiert sich ehrenamtlich im Tierschutz sowie für bezahlbare Musik- und Sportangebote für Jugendliche, ist als Gemeindevertreter und im Kreistag aktiv. Seine Schutzmechanismen gegen die Sucht sind im Laufe der Zeit zur Routine geworden. Er habe seinen Seelenfrieden gefunden, sagt er. Immer mal wieder Gutes tun – das ist seine Konsequenz aus dem Erlebten.

Gesellschaftliche Missstände regen ihn deshalb auf. Viel mehr müsse Politik in Kinder investieren, um sie rechtzeitig zu stärken, meint er. Aktuelle Forderungen nach einer Legalisierung von Cannabis hält er dagegen für falsch. „Ich weiß einfach, wie gefährlich das ist.“ Seine Botschaft an junge Leute: „Nehmt euch wichtig!“

Wegen seines Einsatzes für die Kälber mag ihn mancher als „Gutmenschen“ belächeln. Maik Kindler erhält allerdings auch viel Zuspruch, Unterstützung und Schenkungen für sein Herzensprojekt. Anerkennung, die hat er längst gefunden – ohne Drogen.

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