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Abschied Polizeiseelsorger MV : Andreas Schorlemmer: „Leid stumpft nicht ab“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach 16 Jahren als Polizeiseelsorger geht der Groß Kiesower Pastor Andreas Schorlemmer schweren Herzens in den Ruhestand

von
erstellt am 15.Jan.2015 | 11:50 Uhr

Andreas Schorlemmer war Pastor in Polizeiuniform. Er begleitete Polizisten zu Großeinsätzen, zu Unfallorten, überbrachte Todesnachrichten. Nach 16 Jahren wird der 65-Jährige heute mit einem Festgottesdienst in der Schweriner Schlosskirche aus dem aktiven Polizeidienst verabschiedet. Katja Müller sprach mit ihm.

 

Sie fingen 1975 als Pfarrer in Groß Kiesow an. Was führte Sie nach 23 Dienstjahren in dem vorpommerschen Kleinod zur Seelsorge?1998 war die Stelle ausgeschrieben und ich habe mich darauf beworben – ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Es war die Zeit des Wandels.

Haben Sie die Bewerbung jemals bereut?
Nein. Nicht einen Tag. Es war eine zuweilen schwere, aber dennoch wunderbare Zeit.

Eigentlich wollten Sie in der Wissenschaft bleiben, nahmen dann aber doch die zunächst ungeliebte Pfarrstelle in Groß Kiesow an. Wie widerständig war das Leben als Pastor zu DDR-Zeiten?
Ich kam mit meiner Familie im Frühjahr hier an, das Pfarrhaus mit der Kirche direkt daneben war optisch ein wahres Paradies. Das zu bewahren, war der erste Gedanke. Doch es wurde schnell klar, wir können nicht nur den Verfall hüten. Wir mussten etwas Neues säen: eine lebendige Gemeinde. Das haben wir auch gemacht.

Sie waren nie nur ein Mann der Kirche, sondern engagierten sich auch darüber hinaus. Wann setzte die Politisierung ein?
Das lässt sich gar nicht so genau sagen. Aber in den 80ern war schon klar, wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Wir gründeten zu viert eine Arbeitsgruppe „Jugendgottesdienst“, eine Band, eigene Texte gehörten dazu, Musik und etwas Schauspiel zu Themen, die aufrührten. Mit diesem Programm haben wir dann jedes Jahr vier Wochen die Gemeinden entlang der Ostseeküste bespielt. Richtig spannend wurde es in der Wendezeit, da waren wir hier in Groß Kiesow sehr aktiv – auch über die Gemeindegrenzen hinaus: Die DDR-weite Menschenkette, im Dorf die erste Bürgerversammlung im Kreis, Rund-Tisch-Gespräche, Diskussionen in der Gethsemanekirche Berlin, Rock am Acker hier um die Ecke…

Während Ihr Bruder Friedrich medial zu einem medialen Deuter der Friedlichen Revolution wurde, hieß es für Sie in Groß Kiesow Basisarbeit zu leisten. Wie sehr leidet die Geschwisterliebe darunter?
Ich freue mich, so einen Bruder zu haben. Ich habe ihn gern. (lacht)

Was war Ihre Aufgabe als Polizeiseelsorger?
Zuhören und beraten. Die Polizei ist eine große Organisation. Da ergeben sich auch Konflikte. Als Polizeiseelsorger hat man viele Möglichkeiten zu helfen. Ich habe einen sehr unkomplizierten Zugang in alle Richtungen. Ich kann helfen, Lösungen zu finden. Ich bin da, wenn Polizisten durch ihren Arbeitsalltag – seien es Unfälle, Suizide, Morde – stark belastet sind.

Sie waren auch bei Polizeieinsätzen gegen Neonazis dabei. Was treibt Sie an?
Das sind große polizeiliche Lagen. Ich will wahrnehmen, was dort passiert. Sehen, wie wehrhaft die Demokratie ist, die durchaus bei solchen Einsätzen an ihre Grenzen geht. Ich kann in Konflikten vermitteln. Ich kann mich da frei bewegen, Polizisten sind an ihre Aufgaben gebunden. Da ist es für mich einfacher, deeskalierend tätig zu werden.

Wie verträgt sich das mit dem Trennungsgebot von Staat und Kirche?
Gerade die Trennung macht das Amt möglich. Es gibt klare Vereinbarungen. Seelsorge anzubieten gehört zur Vielfalt der Kirchenarbeit. Staat und Kirche sind ja keine Gegner. Uns können Dinge anvertraut werden. Es gibt das Seelsorger- und Beichtgeheimnis auch im Polizeidienst.

Gab es schon Fälle, in denen genau dieses Beichtgeheimnis zum Problem gewurde, weil Sie Dinge erfahren haben, die nicht mit dem Strafgesetzbuch vereinbar waren?
Diese Frage kann ich nicht beantworten.

Uniform und Talar bildeten bisher eine Einheit. Was wird künftig fehlen?
Ich hänge an keinem Kleidungsstück. Sie wird mir nicht fehlen. Aber die bewegenden und guten Erinnerungen werden bleiben.

So viele Schicksale, so viel Leid, so viel Trauer. Wie bleibt man dabei ein Mensch mit einer gesunden Seele?
Leid isoliert. Trauer isoliert. Man darf sich selbst aber nicht isolieren und die Zusammenhänge des eigenen Lebens aufgeben. Ich habe den Glauben darüber nie verloren, aber auch das ist schon sehr anstrengend. Doch man lernt auch daraus. Ich habe gespürt, wie verletzlich und auch wie kostbar das Leben ist. Man wird nachdenklicher und vorsichtiger. Aber Leid stumpft nicht ab.

Wer sorgt sich eigentlich um die Seele des Seelsorgers?
Das weiß ich nicht. Vielleicht jeder selbst… Es gibt Gesprächskreise für Seelsorger, aber da werden eher andere Themen besprochen.

Polizeiseelsorge, die eigene Gemeinde, Theater spielen, Sport, Freunde und eine große Familie. Wer muss die meisten Abstriche machen?
Ich habe oft das Gefühl, nicht alles getan oder nicht alles geschafft zu haben. Prioritäten zu setzen, ist oft gar nicht so einfach. Umso schöner ist es, wenn man hört: Mach mal Pause!

Was bleibt nach 16 Jahren Polizeiseelsorge übrig?
Wir sind was wir werden. Ich gehe im Frieden mit dem, was ich getan habe, was ich versäumt habe, was ich verkehrt gemacht habe. Ich gehe im Frieden mit mir selbst.

Jetzt also Polizeiseelsorger a.D. – wie wird die neugewonnene freie Zeit genutzt?
Es gibt so viele Möglichkeiten. (lacht) Aber ich habe keine Flausen im Kopf. Ich hoffe, dass einige Verbindungen bleiben. Ich spring ja nicht ins Wasser und schwimme einfach davon. Und meiner Kirchengemeinde bleibe ich ja als Pastor erhalten.

Wird es eine Fortsetzung zu Ihrem Buch ,Manchmal hilft nur schweigen‘ geben?
Ich hoffe das. Denn ich habe noch so viele Geschichten und Erlebnisse im Kopf.

 

Der Nachfolger Hanns-Peter Neumann

Hanns-Peter Neumann, Pastor an der St. Nikolai-Gemeinde in Stralsund, sucht den Kontakt zu Konfessionslosen.
Hanns-Peter Neumann, Pastor an der St. Nikolai-Gemeinde in Stralsund, sucht den Kontakt zu Konfessionslosen. Foto: Privat

Am 1. Februar 2015 tritt Hanns-Peter Neumann (57) das Amt als Polizei- und Notfallseelsorger der Evangelischen-Lutheranischen Kirche für Mecklenburg-Vorpommern an. In Berlin und Tübingen studierte Neumann Geologie und Theologie.

In Berlin und Süd-Indien war   er als Vikar und Pfarrer tätig. 1994 kam er  nach Stralsund und wurde Jugendpfarrer. Seit August 1995 ist er Gemeindepastor an der  St. Nikolai Kirche. Seit 20 Jahren  engagiert sich Schorlemmers Nachfolger  für den Ausbau der  Psychosozialen Notfallversorgung im Raum Stralsund.

 

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