Die Nager kehren zurück : Andrang im Biberrevier

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Die Nager kehren nach MV zurück: Begeisterung bei Naturschützern, Frust bei Landwirten

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29. Juli 2015, 12:00 Uhr

Anfangs hatte er noch gut lachen: Ein Dutzend Biber waren Anfang der 90er-Jahre im Warnow-Gebiet nur unweit seiner Felder am Schweriner See ausgesetzt worden. „Da haben wir uns gefreut, als der Biber zurück war und beim Nachbarn auf einmal Obstbäume angespitzt waren“, erzählt Roland Ohlendorf: „Erstaunlich, was die Tier aus Ästen, Schlamm und Grünzeug für Dämme bauen können“, ist der Landwirt noch immer fasziniert: „Die halten, da geht nichts kaputt“, zeigt der 61-Jährige auf einen Knüppelwall im Feuchtgebiet der Warnow. Armdicke Äste, dünne Zweige, kreuz und quer, stauen den Wasserlauf meterhoch, um den Eingang der Biberburg unter Wasser zu halten. Im Umfeld umgenagte Bäume, 20, 30 Zentimeter stark, weißgeschälte Äste – Holzeinschlag im Biberrevier. An der Warnow ist der Nager zurück.

Die Faszination für das zweitgrößte Nagetier der Welt ist bei Ohlendorf geblieben. Und doch kommt bei ihm Frust auf. Zwei Jahrzehnte nach der Rückkehr der Biberfamilie nach Mecklenburg ist dem Landwirt das Lachen vergangen: Bis zu 40 Burgen und viele Dämme zählte Ohlendorf in seiner Region – alle bewohnt – „200 Biber waren es in Hochzeiten“, sagt der Landwirt: „Wir sind das Epizentrum der Biberentwicklung.“ Das Warnowgebiet östlich des Schweriner Sees hat sich zu einem der größten Biber-Reviere Deutschlands entwickelt. 163 bekannte Reviere zählen die Ranger des Naturparks Sternberger Seenland – mit insgesamt 350 Tieren, darunter 83 Paare mit Nachzucht und 41 Einzeltiere: „Eine der größten Populationen in Norddeutschland“, sagt der stellvertretende Parkchef, Jan Lippke – Andrang im Biber-Revier.

Das löst bei Naturschützern Begeisterung aus: „Der Biber gehört hier in die Landschaft“, erzählt Lippke. Bis zu seiner Ausrottung sei der Nager in der Region heimisch gewesen. „Jetzt breitet er sich wieder aus“, freut sich Lippke. Betrübnis hingegen bei Landwirten und Waldbesitzern: Bauer Ohlendorf kann dem Biberzug nicht mehr viel abgewinnen. „Hier“, zeigt er auf eine Grünlandfläche: „Zwei Hektar, alles überschwemmt gewesen, 20 Zentimeter hoch, sechs Wochen lang.“ Ein Futterschnitt für seine 1060 Rinder oder ein Weidegang für die Mutterkühe – keine Chance. Ein Biberpärchen im nahen Bachlauf machte Ohlendorfs Plänen einen Strich durch die Rechnung. Im nahen Wasserlauf haben die Nager ganze Arbeit geleistet und einen sogenannten Nahrungs- oder Fraßdamm angelegt – gut 1,50 Meter hoch, perfekt abgedichtet, damit der Eingang zur nahen Biberburg stets unter Wasser bleibt. „Schade um die Fläche“, meint Ohlendorf – wochenlanger Produktionsausfall.

Nicht nur auf dieser Grünfläche: 1800 Hektar bewirtschaften Ohlendorf und seine 13 Mitarbeiter, ernten Getreide, Raps und Zuckerrüben, schneiden Futter, lassen Rinder weiden. Doch seit der Biber im Warnowtal wieder die Bäume anspitzt und Dämme anlegt, müssen sie auf einen Teil verzichten: „Die Schäden werden immer mehr“, ärgert sich Ohlendorf. Wie auf den Weiden an der nur wenige Kilometer entfernten Göwe, einem Nebenfluss der Warnow. Das gleiche Bild: ein Fluss, ein Biberdamm, überschwemmtes Grünland. Auf Dutzenden Hektar fällt für Ohlendorf die Produktion aus – mehrere tausend Euro Schaden im Jahr.

Biber an der Warnow, Nager im Peenetal: Es werden immer mehr. Binnen zehn Jahren hat sich die Zahl der Pelztiere der landesweiten Biber-Revierkartierung zufolge in MV mehr als vervierfacht – von 350 im Jahr 2002 auf inzwischen etwa 1500 Tiere zwischen Elbe und Peene. „Von einer weiteren Ausbreitung des Bibers im Land ist auszugehen, da größere Bereiche in Mecklenburg-Vorpommern mit geeigneten
Lebensräumen derzeit noch nicht wieder besiedelt sind“, erklärte das Umweltministerium gerade auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Landtagsabgeordneten Beate Schlupp. Reviersuche auch im Warnow-Tal: Inzwischen seien die Nager weitergezogen, Richtung Warin, bis Neukloster, beobachtet Naturpark-Ranger Lippke. Selbst in nur zwei Meter breiten Gewässern abseits von Fließgewässern wie im Glasermoor bei Kritzow siedeln die Säuger mit der breiten Kelle. „Wenn die Nahrung knapper wird, ziehen die Biber weiter“, weiß Lippke.

Für Ohlendorf ein schwacher Trost: „Es sind weniger geworden“, sagt der Landwirt. Doch die, die bleiben, lassen seine Wiesen weiter regelmäßig unter Wasser stehen. Das geht selbst Naturschützern zu weit: „Der Biber und sein Lebensraum sind streng geschützt“, sagt Lippke: „Da kann man nicht viel machen“. Und sie versuchen es doch: Kompromisssuche am Biberdamm. Die Biberburg sei auf jeden Fall tabu. Nehmen die Schäden aber überhand, würden am Nahrungsdamm Drainagen eingebaut oder die Dammhöhe etwas heruntergesetzt, beschreibt Lippke. „Wir brauchen Kompromisse“, sucht Bauer Ohlendorf die Verständigung. Andere denken über radikale Lösungen nach: Angesichts der Schäden müsse notfalls auch über einen Abschuss nachgedacht werden, meinte CDU-Landtagsabgeordnete Schlupp noch vor Wochen – und erntete damit massiven Widerspruch bei Naturschützern, dem Koalitionspartner SPD und den Oppositionsfraktionen. Das geht auch für Bauer Ohlendorf zu weit: „Das ist keine Lösung“, meint er. Freude über den zurückgekommenen Biber wolle bei ihm zwar schon lange nicht mehr aufkommen: „Aber er ist nun mal da“, sagt der 61-Jährige: „Die Tiere stehen unter Schutz , damit müssen wir leben.“  

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