Prozess in Rostock : Anatomie-Nachhilfe fürs Gericht

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Prozess um medizinische Katastrophe einer Frau aus Altentreptow vor acht Jahren

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27. Juni 2018, 20:45 Uhr

Mit einem Schädel in der Hand hat ein Gutachter den Richtern am Landgericht Rostock Nachhilfe in Anatomie gegeben. Nachdem er ihn am Mittwoch aus einem Tuch gewickelt hatte, demonstrierte er den Juristen, wo die Hinterhauptschuppe liegt und wie dick sie ist. „Hat das jeder verstanden?“, fragte der freundliche ältere Herr immer wieder, nachdem er weitere Details über Lage und Dicke dieses Schädelknochens erläutert hatte.

Die Dicke spielt eine wichtige Rolle in seinem medizinischen Gutachten. Die Hinterhauptschuppe sei so dünn, dass bei fehlerhafter Operation durchaus medizinische Schrauben durch sie getrieben werden können, die eigentlich ein Implantat halten sollen, das die Halswirbelsäule einer Patientin stützt.

Für den Sachverständigen war dies ein weiteres Indiz für die von ihm attestierte medizinische Katastrophe, in die eine heute 46 Jahre alte Frau aus Altentreptow vor acht Jahren geriet. Die Patientin, die früher als Justizangestellte tätig war, hatte einen Arzt in seiner Rostocker Praxis aufgesucht, weil sie häufig Nackenschmerzen hatte. Währenddessen berichtete sie ihm von einem Autounfall, der bereits sieben Jahre zurücklag. Der Angeklagte führte eine Computertomographie durch und entnahm ihr Hirnwasser. Laut seiner Diagnose litt die Patientin an einer Fraktur an einem Halswirbel, die schlecht verheilt war. Der Neurochirurg soll sie zu einer Operation überredet haben, die überflüssig war, und die zudem dramatisch schief verlief, unter anderem weil er ihr Schrauben durch die Hinterhauptschuppe bis ins Kleinhirn drehte. Der Eingriff brachte der Frau statt Linderung zusätzliche Schmerzen. Der Arzt muss sich seit April wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten.

Der 79 Jahre alte Gutachter beruft sich auf seine umfangreiche medizinische Erfahrung. Er sagt von sich, er habe mehr als 3000 Operationen während seiner Zeit an der Charité in Berlin durchgeführt. Die Operation seines jüngeren Rostocker Kollegen an der Altentreptowerin sei von Anfang sinnlos gewesen, weil sie keine Linderung habe bringen können. An der Diagnose und der Operation seines angeklagten Kollegen ließ er kaum ein gutes Haar.

Dessen Verteidiger zogen die Kompetenz des Gutachters in Zweifel. Was er vortrug, sei oberflächlich, anekdotisch und mit Fehlern gespickt gewesen. Sein Gutachten könne keine Grundlage für ein Urteil des Gerichts sein. Sie beantragten, einen neuen Sachverständigen zu suchen. Das Gericht lehnte ab. Zu durchsichtig schien den Richtern der Versuch der Verteidigung, den Sachverständigen aus den Prozess zu drängen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, aus Gewinnsucht operiert zu haben. Seiner Praxis ging es wirtschaftlich schlecht. Der Arzt wurde bereits zu vier Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt. Er hatte die Krankenkassen mit falschen Abrechnungen um 1,5 Millionen Euro betrogen. Der Prozess wird im Juli fortgesetzt.

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