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Psychosomatische Tagesklinik in Schwerin : An der Seite von Opfern der Diktatur

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Er war mutig, wollte die DDR verlassen, stellte Ausreiseanträge, nahm Nachteile in Kauf, versuchte zu fliehen. Dann wurde er inhaftiert. Die Bundesrepublik kaufte ihn frei. Heute ist er traumatisiert.

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erstellt am 19.Dez.2011 | 10:36 Uhr

Schwerin | Er war mutig, wollte die DDR verlassen, stellte Ausreiseanträge, nahm Nachteile in Kauf, versuchte zu fliehen. Dann wurde er inhaftiert. Die Bundesrepublik kaufte ihn frei. Heute hat er kaum soziale Kontakte, ist traumatisiert.

Sie saß nach einem gescheiterten Fluchtversuch ein Jahr im Gefängnis, musste schlimme Haftbedingungen ertragen. Lange hat sie das Erlebte verdrängt. Heute leidet sie unter körperlichen Beschwerden, fühlt sich schuldig.

Zwei Schicksale, zwei Opfer der SED-Diktatur. Hilfe finden diese Menschen in der psychosomatischen Tagesklinik der Helios-Kliniken in Schwerin, der ersten Einrichtung dieser Art im Land. "Wir machen ein bewusst niedrigschwelliges Angebot für Menschen, die bisher nur zögerlich medizinische Hilfsangebote genutzt haben", sagt Dr. Jochen-Friedrich Buhrmann, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Dabei würden in der Tagesklinik aber nicht nur Patienten behandelt, die unter den Spätfolgen von Repressalien aus der DDR-Zeit litten, sondern auch Menschen mit anderen psychosomatischen Erkrankungen etwa als Ausdruck von Beziehungsproblemen oder Schwierigkeiten im Job.

Insgesamt zwölf Plätz gibt es in der Tagesklinik im Stadtteil Lewenberg, die die anderen stationären Behandlungsmöglichkeiten ergänzt. Von 8 bis 15.30 Uhr kommen die Patienten in die Klinik. Neben Einzelgesprächen setzt das Ärzteteam vor allem auf die Wirkung von Gruppengesprächen. "Im Kontakt mit anderen Erkrankten bekommen die Patienten viele positive emotionale Rückmeldungen, erfahren großes Verständnis", berichtet Oberärztin Dr. Martina Bub.

Diktatur-Opfer vertrauten oft nicht einmal ihren engsten Familienangehörigen ihre Erlebnisse an, so Bub. "Ängste werden auf diese Weise konserviert." Die Belastungen könnten sich durchaus sehr verschieden darstellen, müssten nicht immer mit Haft und Verfolgung verbunden sein. Die Oberärztin denkt etwa an den Fall einer Frau, die in der ehemaligen Sowjetunion ein Lehramtsstudium absolviert hat und in der Wendezeit in die DDR zurückkehrte. "Das soziale Gefüge war plötzlich auf den Kopf gestellt, der Arbeitsplatz unsicher, Gewissheiten aufgelöst", erklärt Bub. Die Folge: ein Gefühl der Ausgrenzung.

Eine wichtige Rolle bei der Behandlung der Erkrankten in der psychosomatischen Tagesklinik spielt die Kunst- und Bewegungstherapie. "Die Patienten können sich auf individuelle Art ausdrücken, ob mit Farben oder mit Bällen", erläutert Chefarzt Buhrmann. Bei der künstlerischen Arbeit beispielsweise würden mitunter Gedankenmuster und Persönlichkeitsmerkmale offenbar, die im Gespräch undeutlich oder sogar verschüttet blieben.

Gut 20 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur sei die "Aufklärungskultur" in Deutschland noch immer unterent wickelt, sagt Buhrmann. Nur ein kleiner Teil der Menschen, die unter dem System der Parteiherrschaft gelitten hätten, wage sich an die Öffentlichkeit. "Man kann von einer hohen Dunkelziffer ausgehen", so der Chefarzt. Die psychosomatische Tagesklinik arbeite eng mit der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zusammen, betont Buhrmann. "Es gibt viele Opfer der SED-Diktatur, die misstrauisch sind gegenüber jedweder Organisation, für die ein stationärer Aufenthalt nicht in Frage kommt." Auch deshalb habe die Tagesklinik für die Betroffenen eine so große Bedeutung.

Plätze für zwölf Patienten

Die psychosomatische Tagesklinik an den Helios-Kliniken in Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern wurde am 1. August dieses Jahres offiziell eröffnet. Zwölf Patienten nehmen täglich an Gruppen- und Einzelsitzungen, Kunst- und Bewegungstherapie teil. Neben der Behandlung von DDR-Opfern mit traumatischen Belastungen kümmern sich Ärzte und Psychologen vor allem auch um junge Erwachsene. Die psychosomatische Tagesklinik bietet ehemaligen Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Anlaufstelle für eine lückenlose Weiterbehandlung.

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