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Johann-Georg Jaeger : An der Seite Gaucks durch die Wende

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Wenn Joachim Gauck heute drei Landtagsfraktionen in Schwerin besucht, wird er auf ein ihm gut bekanntes Gesicht treffen. Johann-Georg Jaeger erlebte zusammen mit Gauck die Umbrüche, die zur politischen Wende führten.

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erstellt am 05.Mär.2012 | 08:47 Uhr

Schwerin/Rostock | Wenn Joachim Gauck als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten heute drei Landtagsfraktionen in Schwerin besucht, wird er auf ein ihm gut bekanntes Gesicht treffen. Johann-Georg Jaeger, war Mitbegründer des Neuen Forums in Rostock und erlebte zusammen mit Joachim Gauck die Umbrüche, die zur politischen Wende in Deutschland führten. Allerdings weisen die Biographien der beiden mehr als nur diese eine Gemeinsamkeit auf.

Gelassen und mit einem offenen Gesichtsausdruck sitzt Johann-Georg Jaeger am Tisch des Büros der Grünen in Rostock. Mit einem grünen Pullover gekleidet, nippt er während er redet an seinem Rooibos-Tee, den er ebenfalls aus einer grünen Tasse trinkt. Grün, dass wird im Laufe des Gesprächs deutlich, ist auch die Farbe, die symbolisch für sein ganzes Leben stehen könnte.

Sein Vater stammte aus dem Erzgebirge, genauer gesagt aus Johanngeorgenstadt. Daher erhielt auch Johann-Georg Jaeger seinen Namen, als er 1965 in Ludwigslust geboren wurde. Nach dem Abitur leistete er 1984 seinen Dienst bei der NVA als Bausoldaten ab. Eigentlich wollte er ja eine Berufsausbildung machen und Dachdecker werden, aber "als ich dann ein Jahr als Dachhilfsdecker arbeitete und wir mit einer kleinen Gruppe für fast ein Viertel der Leipziger Dächer zuständig waren, erkannte ich, wie aussichtslos das alles war." Auf den Spuren seines Vaters, ein Pfarrer, führte ihn sein Weg 1987 zu einem Theologiestudium nach Rostock.

Bereits in seiner Leipziger Zeit war Jaeger in der kirchlichen Jugendszene engagiert. In Rostock kam er direkt in die Aufbruchsphase vor 1989. Er organisierte erste Andachten für Verhaftete und Ausstellungen zum Thema "Sackgasse Atomenergie". Aus dieser Zeit stammt auch sein bis heute anhaltendes Interesse zum Thema regenerative Energien. Er berichtet weiter von Demonstrationen, bei denen er aufgrund von Plakaten wie "Atomwaffenfreie DDR" und "Wehrdienstverweigerung ein Menschenrecht" den direkten Kontakt mit der Staatssicherheit erlebte. Aber er erzählt auch von seinen schönsten und prägendsten Jugenderinnerungen. Dazu gehört wohl definitiv eine elf Wochen dauernde Fahrradtour, die ihn über 5 000 Kilometer bis zum Schwarzen Meer führte. "Mit einem Durchreisevisum ausgestattet fuhren wir ohne Geld durch Polen und Ungarn, übernachteten bei Einheimischen und diskutierten mit den Leuten."

"1989 drängen sich dann förmlich die Ereignisse", so der Vater dreier Kinder. "Nachdem klar war, für welchen Weg sich die SED Führung entscheidet, hatten wir einen gefühlten Auftrag - Andachten anzustoßen", erläutert Jäger die damaligen Umstände. In Vorbereitungsgruppen organisierte er die Andachten mit, die später zu den Demonstrationen und der Besetzung der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Rostock führten.

In diese Zeit fällt seine erste Begegnung mit Joachim Gauck und die Gründung des Neuen Forums in Rostock, an der Jäger einen Anteil hatte. Als dann am 9. November die Berliner Mauer geöffnet wurde, waren die Meinungen geteilt. "Wir dachten, es ist eher eine Reißleine der DDR. Wir erwarteten, dass sich die Grenzen wieder schließen würden." Besonders Joachim Gauck hat, laut Jaeger, bereits sehr früh erkannt, dass es in Richtung Deutsche Einheit geht und das auch verteidigt. "Ich wusste, dass wir an historischen Ereignissen teilnehmen", so Jaeger. "Nach den Andachten haben wir in den Wohnungen von Mitgliedern noch zusammengesessen. Alle Priester, auch Joachim Gauck, kamen und haben diskutiert. Das muss man sich mal vorstellen. Alles war chaotisch, aber es gab eine sehr dichte Atmosphäre". Zum Studieren kam Jaeger in dieser Zeit nicht. Die Theologie musste die Wende abwarten. Auch hier spielte Joachim Gauck eine wichtige Rolle. "Hätte ich Probleme mit dem Studium bekommen, hätte ich angegeben, ein Gemeindepraktikum bei Joachim Gauck zu machen, das war alles schon abgesprochen." Privat beschreibt er Gauck als sehr sympathisch, auch wenn der Kontakt mittlerweile sehr sporadisch ist. So erzählt Johann-Georg Jaeger von einem zufälligen Treffen mit Gauck. "Ich wollte einmal von Berlin nach Rostock trampen. Gauck hat mich dann zusammen mit seinem Fahrer an einem Rasthof mitgenommen. Ich bin dann extra mit nach Schwerin gefahren um mich noch länger mit ihm zu unterhalten."

Heute steht Joachim Gauck für ihn stellvertretend für eine wichtige Erinnerung in seinem Leben. "Ich bin für ihn wohl aber einer von den Namen, die für die jungen Leute in den Vorbereitungsgruppen 1989 stehen."

Nach den prägenden Umbrüchen versuchte der heutige Politiker wieder verstärkt ins Studium einzusteigen. Doch es kommt anders: Bereits 1996 hatte er einen Windpark geplant, der 2001 realisiert wurde und bei dem er an der technischen Betriebsführung beteiligt war.

Seit 2011 ist Jaeger als Abgeordneter der Grünen im Landtag von MV und als Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion tätig. "Ich war schon immer ein großer Mittelalter-Fan. Manchmal muss ich deshalb über mich selber lächeln, dass ich nun als Demokrat in einem Schloss arbeite", erzählt er augenzwinkernd. Jetzt steht für ihn aber das schwierige Thema regenerative Energien im Mittelpunkt. "Wenn 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen, habe ich meine Ziele erreicht und kann aufhören. Aber das wird wohl noch bis 2040 dauern", sagt Jaeger mit einem Lächeln über seine weiteren Lebensziele.

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