An den Pranger gestellt

Wettermann Jörg Kachelmann
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Wettermann Jörg Kachelmann

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07. Juni 2012, 10:23 Uhr

Der Fall „Japke“ schlägt hohe Wellen. Der Radiomoderator sitzt in U-Haft, die Verhaftung selbst wird heftig diskutiert. Wurde er vor- oder rechtmäßig abgeführt? Ein Plädoyer für den Rechtsstaat.

Der Pranger gilt als ein Relikt des Mittelalters. Übeltäter wurden – gern mitten auf dem Marktplatz – den Blicken, Schmähungen und Wurfgeschossen der Mitmenschen ausgesetzt. Schande über den Bösewicht! Das hatte seinerzeit durchaus eine gewisse erzieherische Wirkung. Und außerdem wussten es unsere Vorväter nicht besser. Seitdem hat sich das Strafwesen weiterentwickelt. Niemand, der alle Sinne beieinander hat, würde heute diese Art der öffentlichen Peinigung verteidigen oder gar zurückfordern. Erst recht nicht, wenn noch gar nicht erwiesen ist, ob der Ganove tatsächlich einer ist. Unschuldsvermutung – so heißt das Wort, das kluge Menschen dafür in einem Rechtsstaat erfunden haben. Mehr als eine Floskel. Das hat das Desaster von Emden gezeigt, als im Fall eines Mädchenmordes ein 17-Jähriger voreilig an den Internet-Pranger gestellt wurde, der absolut nichts mit der Tat zu tun hatte und beinahe der Lynchjustiz zum Opfer fiel. Wir gelobten erschrocken Besserung – die Ermittlungsbehörden, die Medien, alle.

Schauen wir uns die Praxis nur wenige Monate später an. Da wird ein halbwegs prominenter Radiomoderator medienwirksam abgeführt. Schon auf dem Weg zum Haftrichter begleiten ihn Kameras – der Öffentlichkeit vorgeführt. Wer Marcus Japke bisher noch nicht kannte, kennt ihn jetzt. Der Tatverdacht ist ein ungeheuerlicher, mit der schlimmste, den wir uns vorstellen können: Sexueller Kindesmissbrauch. Und wenn sich dieser bewahrheiten sollte, soll er Härte spüren – aber die des Gesetzes, nicht die der Vorverurteilung.

Sicher, noch vor kurzem hat der sendungsbewusste Moderator immer wieder selbst die Öffentlichkeit gesucht, um sich in Szene zu setzen. Das teure Auto, das schicke Haus, die halbnackte Freundin im Schaumbad – das alles sollte die Gesellschaft sehen. Jetzt rächt sich diese Eitelkeit. Ganz gleich, wie der Prozess gegen ihn ausgehen wird – der Makel klebt schon jetzt an ihm wie die Jauche, die im Mittelalter gern über den Sünder geschüttet wurde. Noch vor dem juristischen Beweis der Schuld.

Dabei ist die Staatsanwaltschaft in Mecklenburg-Vorpommern eigentlich bekannt für Zurückhaltung. Wofür sie im Übrigen oft gerade von uns Medienvertretern gescholten wird. Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Information der Öffentlichkeit ist nötig und wichtig. Auch im Fall Japke. Auf die Art und Weise kommt es an. Das Gebot der Fairness muss auch für Promis gelten und die, die sich dafür halten.

Staatsanwaltschaften scheinen mitunter landauf landab ein Problem mit berühmten Delinquenten zu haben. Der (tiefe) Fall des schillernden Wettermoderators Jörg Kachelmann ist noch un-gut im Gedächtnis. Auch Ex-Postchef Klaus Zumwinkel, der vor laufenden Kameras aus seiner pompösen Luxusvilla quasi direkt in die karge Gefängniszelle wandert. Recht geschieht ihm, lacht sich der Stammtisch ins Fäustchen. Nicht mal klammheimlich, ist der einst Gefeierte doch bewusst öffentlich an den Pranger gestellt worden. Der gleiche Stammtisch, der am Ende nicht versteht, warum der Sünder so vermeintlich milde bestraft wird. Dabei hängt das eine nicht selten direkt mit dem anderen zusammen. Das zeigt exemplarisch ein Fall, der vor wenigen Jahren die Öffentlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigte. Da gab es einen Kriminellen, der wurde gemeinhin „Rotlichtkönig“ genannt. Schon dessen Festnahme war ein Medienereignis. Der damalige Chef des Landeskriminalamtes lehnte sich – offenbar berauscht von dem Ermittlungserfolg – weit aus dem Fenster. Mehr als zehn Jahre Haft prophezeite er für den Szene-Boss, noch ehe der Prozess begonnen hatte. Und weil gerade eine Wahl bevor stand, sparte auch die Politik nicht mit Lob für die Fahnder – sogar auf Bundesebene. Alle feierten schon im Vorfeld den vermeintlich großen Schlag gegen die Organisierte Kriminalität. Doch im Prozess zog bald Ernüchterung ein. Denn hier zählten nicht vollmundige Behauptungen, sondern knallharte Fakten und Beweise. Und die waren rarer als erhofft: Zeugen brachen ein, offenbarten plötzlich Erinnerungslücken oder wurden gar der Lüge überführt. Dem Gericht blieb nichts anderes übrig, als Vorwürfe fallen und sich auf einen Handel einzulassen. Schließlich wurde der Hauptangeklagte aus Litauen zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt, von denen er 2006 zur Urteilsverkündung bereits einen beachtlichen Teil abgesessen hatte. Das Gericht hatte die „kampagnenhafte Stimmungsmache“ dem Angeklagten zugute gehalten und das Strafmaß mit dieser Begründung erheblich gemildert. Der große Rummel im Vorfeld hatte dem Täter genutzt und den Ermittlern geschadet.

Darin liegt auch das Risiko für die Staatsanwaltschaft im Fall von Markus Japke. Und damit für die Glaubwürdigkeit der Justiz. Die moderne Mediengesellschaft sollte der Transparenz und Aufklärung dienen. Und der Pranger da bleiben, wo er hingehört: In der Vergangenheit.

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