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Mecklenburg-Vorpommern

19. Oktober 2017 | 10:48 Uhr

DDR-Relikt : „Amtszimmer auf See“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

DDR-Staatsjacht aus der P+S-Insolvenzmasse steht zum Verkauf

Wenn die Binnen-Staatsjacht „A. Köbis“ zu einer Rundtour über die Berliner Flüsse und Seen aufbrach, war die Staatssicherheit immer mit an Bord. Schließlich schipperte das knapp 36 Meter lange Schiff die politische Prominenz der DDR und des Auslands über Spree und Müggelsee. Unter dem Namen „Vineta“ liegt die einstige VIP-Jacht der obersten SED-Kader heute auf dem Gelände der ehemaligen P+S-Werft in Stralsund. Dort steht sie nach der Insolvenz der Werften in Wolgast und Stralsund zum Verkauf. Hochrangige Regierungsmitglieder der DDR bahnten ab 1974 auf dem Schiff in lockerer Atmosphäre Wirtschaftsgeschäfte mit dem Westen an.

Im Salon oder auf dem Sonnendeck festigte DDR-Außenminister Oskar Fischer den Schulterschluss mit den „Bruderstaaten“. Verbürgt ist, dass im Jahr 1985 Staatschef Erich Honecker Nicaraguas Staatspräsidenten Daniel Ortega zu einer Spritztour auf der „A. Köbis“ einlud, wie Klaus Bossig für sein Buch „DDR-Führung auf Reisen“ recherchierte. Nun liegt das Schiff in Stralsund auf dem Trockenen und soll die P+S-Insolvenzkasse füllen helfen, wenn das auch nur zu einem Bruchteil gelingen dürfte. Rund 650 Millionen Euro an Gläubigerforderungen hat die Werften-Insolvenzverwaltung inzwischen anerkannt. Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann erwartet für die einstige Staatsjacht mindestens 200 000 Euro. „Das ist ein feines Schiff mit langer Tradition und mit prominenten Vorbesitzern“, wirbt Brinkmann um Käufer. Mit dem Ende der DDR begann eine wechselvolle Geschichte für die Staatsjacht. Nach der Wende kaufte zunächst die Weiße Flotte in Berlin die nach dem Heizer der kaiserlichen Marine und Helden der kommunistischen Linken, Albin Köbis, benannte Barkasse - und taufte sie auf den Namen „Bellevue“. Zwei Jahre später ging sie an die Berliner Stern- und Kreisschifffahrt. „Das Konzept, mit repräsentativen Charterfahrten auf den Berliner Seen Geld zu verdienen, ging aber nicht auf“, sagt Uwe Giesler, Fachmann für DDR-Binnenschiffe und Betreiber der Internetseite „DDR-Binnenschifffahrt.de“. Das „Amtszimmer auf See“ erfüllte aber seinen Zweck: in ernster weltpolitischer Lage für heitere Stimmung zu sorgen. 1994 ging das Schiff in Privatbesitz, erst an die Hegemann AG, seit 1997 an die Wolgaster Peene-Werft, deren Eigner Detlef Hegemann war. Hegemann ließ das Schiff umbauen und umtaufen. Aus der „A. Köbis“, später „Bellevue“, später „Preussen“ wurde die „Vineta“. Die ist heute noch gut in Schuss. Ihr Handicap: Zugelassen ist die Jacht nur für Binnengewässer und sie hat keine Schlafräume.

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