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Aus dem Gerichtssaal : Amtsrichter als Integrationsberater

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mildes Urteil für prügelnden Vater aus Afghanistan

von
erstellt am 07.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Weil er seine Tochter schwer verprügelt hat, musste sich ein einstiger Asylbewerber gestern wegen schwerer Körperverletzung vor dem Amtsgericht Schwerin verantworten. Richter Jens Brenne ließ Milde walten und betätigte sich als energischer Integrationsberater.

Vor gut einem Jahr schlug der 40 Jahre alte Angeklagte, der in Afghanistan mit Gemüse gehandelt hatte, seine 14-jährige Tochter mit dem Kabel eines Handy-Ladegeräts und dann mit der Faust mehrfach in den Nacken. Das Mädchen litt noch Wochen später unter den blutigen Striemen und den breiten Blutergüssen. Damals hielt sich der Afghane erst wenige Tage in Deutschland auf.

Nach wochenlanger Flucht war seine fünfköpfige Familie in der Aufnahmestelle für Asylbewerber in Stern-Buchholz bei Schwerin angekommen. Die ungewisse Zukunft, die Enge der kleinen Zimmer und der Stress, mit vielen anderen Flüchtlingen zusammen zu leben, versetzten den Angeklagten damals möglicherweise in eine gereizte Grundstimmung. Anlass für die wütende Attacke auf seine Tochter waren jedoch mehrere SMS, die das Mädchen mit einem der Schlepper, der bei der Flucht geholfen hatte, hin- und herschickte. Der Fluchthelfer verbreitete auch ein Selfie von sich und der Tochter.

„Für mich war das eine Ehrverletzung!", sagte der Angeklagte, zumal die Tochter sich weigerte, den Kontakt abzubrechen.

In Afghanistan sei diese Art der „Erziehung„ üblich, versicherte der Angeklagte. Das Mädchen suchte jedoch Schutz bei den Betreuern der Flüchtlingsunterkunft. Die holten die Polizei und erstatteten Anzeige. Der Vater sagte, inzwischen habe er begriffen, dass die Erziehung in Deutschland anders verlaufe. Weil er dies kurz nach seiner Ankunft vielleicht noch nicht wusste, stellte Amtsrichter Brenne in Absprache mit der Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Der Angeklagte muss 90 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten.

Das Mädchen lebt derzeit in einer Jugendunterkunft, die das Jugendamt vermittelt hat. Sie habe ihrem Vater verziehen, beteuerte es vor Gericht, und wolle zurück zu ihrer Familie. Die anerkannten Flüchtlinge leben im Landkreis Rostock. Offenbar ist ihr jedoch eine gewisse Angst vor dem Vater geblieben.

Dass dieser noch nicht ganz mit den deutschen Gepflogenheiten vertraut ist, zeigte sich am Ende des Prozesses. Der Mann forderte Brenne auf, der Tochter aufzutragen, ihrem Vater gegenüber Respekt zu haben – wie es in Afghanistan üblich sei. Der Richter lehnte das Ansinnen freundlich bestimmt ab und wurde zum Integrationsberater.

In Afghanistan könne es ja sein, dass der Vater der König der Familie ist, so der Richter. In Deutschland hätten Vierzehnjährige schon einmal eine eigene Meinung. „Darüber muss man reden, aber keine Gewalt anwenden.“

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