zur Navigation springen

Kinderarmut in MV : Am Kindertag nichts zu feiern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jedes fünfte Kind unter 15 Jahren lebt in MV von Hartz IV: Kinder- und Jugendarbeit ist unterfinanziert. 2614 Frauen entschieden sich hier 2015 gegen ein Kind.

svz.de von
erstellt am 31.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Keine guten Nachrichten zum Kindertag: 38 000 Mädchen und Jungen unter 15 Jahren lebten Ende 2015 in Mecklenburg-Vorpommern von Hartz IV – jedes fünfte Kind in dieser Altersgruppe. Bundesweit ist nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit jedes 7. Kind betroffen, insgesamt 1,54 Millionen, 30 000 mehr als 2014. Traurige Spitzenreiter in der Statistik sind Berlin und Bremen, wo sogar annähernd jedes fünfte Kind von Sozialleistungen lebt. Lichtblick im Nordosten: Gegenüber dem Vorjahr sank hier die Zahl der Kinder, die auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind, um 1000.

Dennoch bleiben bezahlbare und flächendeckende Angebote der Kinder– und Jugendarbeit unverzichtbar. Doch darum ist es schlecht bestellt, beklagte gestern die Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendarbeit (LAG). Vielfach würden entsprechende Angebote angesichts knapper öffentlicher Kassen dem Rotstift zum Opfer fallen – obwohl sie gesetzlich vorgeschrieben sind. Das Land habe seinen Zuschuss seit 1998 nicht mehr erhöht. Gerade einmal 5,11 Euro im Jahr würden pro Kind bzw. Jugendlichem zwischen 10 und 26 für Jugendclubs oder andere offene Freizeitangebote gezahlt. Die Kommunen, so Manja Graf von der LAG, müssten mindestens noch einmal so viel drauflegen. Nur wenige würden mehr geben. Diese Rahmenbedingungen haben Einfluss auf eine weitere Zahl, die betroffen macht: Mecklenburg-Vorpommern ist nach Bremen und Berlin das Land mit den meisten Schwangerschaftsabbrüchen. 2614 Frauen entschieden sich hier 2015 gegen ein Kind, wie die kinder-, jugend- und familienpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Jacqueline Bernhardt, erklärte – 19 weniger als 2014. Hauptsächlich seien es finanzielle Gründe, die Frauen zu diesem Schritt bewegten, so die Linken-Politikerin.

Und auch dies wurde gestern publik: Der Deutsche Kinderschutzbund verweist darauf, dass laut Polizeilicher Kriminalstatistik für 2015 bundesweit wöchentlich 61 Jugendliche Opfer von Sexualdelikten wurden. Rein rechnerisch sei zudem pro Woche ein Kind getötet oder dies zumindest versucht worden.

Kommentar: Kinder brauchen Vorbilder

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich so gut  wie seit Langem nicht mehr und die Bundesagentur für Arbeit vermeldet immer neue Beschäftigungsrekorde. Wann, wenn nicht jetzt sollte man erwarten, dass die Hartz-IV-Zahlen sinken? Doch die Langzeitarbeitslosigkeit bleibt hoch, ohne dass sich hier auch nur ein Hauch von Verbesserung abzeichnen würde. Für die Betroffenen und ihre Familien muss es eine Grundsicherung geben, die ein Auskommen garantiert. Und wo die finanziellen Leistungen nicht ausreichen, den täglichen Bedarf für die Kinder zu decken, neue Kleidung, Schulhefte, Bücher oder die Teilnahme an der nächsten Klassenfahrt zu bezahlen, muss unbedingt nachgesteuert werden. Doch Hartz IV bleibt Hartz IV. Der Ruf nach Erhöhung der Zahlungen kommt geradezu reflexartig, wenn neue Zahlen zur Entwicklung der Kinderarmut bekannt werden. Mehr Geld allein löst das Problem allerdings nicht. Viel wichtiger wäre auch das Nachdenken darüber, wie es gelingen kann, den Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu ebnen und so zu verhindern, dass sich Hartz-IV-Karrieren auf die nächste Generation übertragen. Es gilt deshalb, jene stärker in die Pflicht zu nehmen, die auf dem Arbeitsmarkt keinen Anschluss mehr finden können oder wollen. Sie müssen gefördert und gefordert werden. Kinder brauchen schließlich Vorbilder, die ihnen vorleben, dass sich Leistung und Anstrengung am Ende eben doch lohnen. 

Rasmus Buchsteiner

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen