Prozess in Schwerin : Am Baikal gefasst, hier angeklagt

Das Schweriner Landgericht
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Das Schweriner Landgericht

Prozessbeginn in Schwerin gegen einen Aserbaidschaner, der vor sieben Jahren Asylbewerber aus Algerien erstochen haben soll

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13. März 2014, 21:00 Uhr

André B. half gern an einem Imbissstand im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz aus. Dafür überließ ihm der Besitzer hin und wieder eine warme Mahlzeit. Hier mal ein Schwätzchen, da mal ein Schnäpschen – liebgewordene Gewohnheit für den gelernten Schlosser.

Was er am Abend des 9. April 2007 erlebte, sprengte aber den Rahmen des Alltäglichen. Unweit des Imbissstandes, vor der Haustür eines der Plattenbauten, liegt ein lebloser Körper auf der Erde. André B. läuft hin, sieht, der Mann blutet stark. Spürt, er lebt noch. „Hilf mir“, flüstert der Sterbende. „Ich habe seinen Kopf in meinem Arm gehalten, so wie bei einem kleinen Kind“, gibt er später der Polizei zu Protokoll.

Doch André B. kann nicht mehr helfen. Der fremde Mann stirbt in seinen Armen, noch ehe der Notarzt eintrifft. Als Opfer einer Gewalttat, wie bald klar wird. 25 Stichverletzungen, vermutlich mit einem Messer mit kurzer Klinge zugefügt, stellen Rechtsmediziner bei der Obduktion fest. Bald herrscht auch Klarheit über die Identität des Toten: Ahmed B., 32 Jahre alt, Asylbewerber aus Algerien.

Jetzt – sieben Jahre später – könnte der Fall vielleicht einen juristischen Abschluss finden. Seit gestern sitzt ein 37 Jahre alter Mann auf der Anklagebank. Hager, meist hält er den Kopf gesenkt. Dem Angeklagten mit aserbaidschanischem Pass wird Totschlag vorgeworfen. Er soll den Algerier in der Schweriner Wohnung aufgesucht haben, um illegale Drogen zu kaufen. Warum es dabei zum Streit kam, wissen die Ermittler bis heute nicht. Direkte Tatzeugen machten sie nicht ausfindig, aber offensichtlich mehrere, die trotzdem irgendwas zu berichten hatten. Und die führten die Polizei wohl auch auf die Spur des Mannes aus Aserbaidschan. Doch der hatte rasch das Weite gesucht.

Also wurde international nach ihm gefahndet. Im Juli 2008 gab es ein Lebenszeichen aus Aserbaidschan von ihm. Die Polizei in seiner Heimat nahm ihn fest, ließ ihn aber gleich wieder laufen. Er blieb auf freiem Fuß, bis er nochmal fünf Jahre später – im März 2013 – im östlichen Russland, in der Nähe des Baikalsees, wieder auftauchte. Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam, nahm in fest und steckte ihn dort ins Gefängnis. Ende September lieferten ihn die russischen Behörden an Deutschland aus.

So landete er nun doch wieder in Schwerin. Im Prozess will er nichts sagen, wie er gleich zu Beginn deutlich machte. Das Gericht hat schon vorsorglich Verhandlungstage bis in den Juni hinein geplant. Rund 30 Männer und Frauen aus aller Herren Länder stehen auf der Zeugenliste, zum Teil müssen sie erst ausfindig gemacht werden. Dazu kommen Dolmetscher für vier Sprachen, sehr ungewöhnlich für Schwerin, stehen hier doch ausgesprochen selten Angeklagte aus dem Ausland vor Gericht. Vermutlich wird sich nicht mehr alles aufklären lassen, glaubt auch Verteidiger Matthias Macht. Gestern machte der Vorsitzende Richter, Robert Piepel, Machts Mandanten eindringlich klar: Bei einem glaubhaften Geständnis fällt das Urteil milder aus. Ob der Angeklagte das Angebot annimmt, scheint nach dem kurzen Auftakt gestern fraglich. So steht wohl ein langwieriger Indizienprozess bevor. Zumindest ein Zeuge lebt gar nicht mehr: André B., dessen Aussage vom Tattag gestern vor Gericht verlesen wurde. Er überlebte Ahmed B. nur um fünf Jahre.

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