Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Alte und neue Heimat vereint

Für gute Nachbarschaft in Europa: Rudolf Pieper knüpfte die Freundschaft zwischen seiner Heimatstadt Gadebusch und Czarnków in Polen.
Für gute Nachbarschaft in Europa: Rudolf Pieper knüpfte die Freundschaft zwischen seiner Heimatstadt Gadebusch und Czarnków in Polen.

Der Gadebuscher Rudolf Pieper ist Ehrenbürger der polnischen Stadt Czarnków, in deren Nähe er geboren wurde

svz.de von
23. September 2017, 08:00 Uhr

Am 23. April 2010 hat sich für Rudolf Pieper ein Kreis geschlossen. An diesem Tag wurde der Gadebuscher Ehrenbürger von Czarnków, einer 12 000-Einwohner-Stadt in Polen. Es ist die Kreisstadt von Stojkowo, von dem Dorf, das Pieper 1945 als Zehnjähriger verlassen musste. Zwischen diesen beiden Ereignissen liegen Jahre der Wiederannäherung und das Wachsen einer Freundschaft.

„Rudolfowi Pieper“ steht auf der Ehrenbürgerurkunde, die bei Piepers im Wohnzimmer hängt. „Über den Namen müssen immer alle lachen, aber so lautet er nun mal im dritten Fall“, sagt der 82-Jährige, der an der Volkshochschule mehrere Polnischkurse besucht hat. „Ich war ja noch recht klein, als wir Stojkowo verließen und weiß nicht mehr viel von der Sprache. Mein älterer Bruder dagegen spricht sehr gut Polnisch, da er auch immer polnische Spielkameraden hatte.“ In Stojkowo, 40 Kilometer südlich von Pila, betrieben Piepers Eltern eine Landwirtschaft – in vierter Generation. Die Vorfahren waren aus Westfalen in diesen preußisch besetzten Teil Polens eingewandert. Auch andere Deutsche besiedelten die Region. Mit einem Bevölkerungsanteil von 15 Prozent waren sie zwar in der Minderheit, aber es gab Dörfer, die rein deutsch waren. Als der Kreis Czarnków, auf Deutsch Czarnikau, nach dem Ersten Weltkrieg der Zweiten Polnischen Republik zugeschlagen wurde, blieben einige Orte bei Deutschland. Czarnków und Stojkowo lagen auf polnischer Seite.

Das Verhältnis der deutschen und polnischen Nachbarn war gut. In der Landwirtschaft von Piepers Vater arbeiteten zahlreiche Polen, die Kinder wuchsen zusammen auf. Probleme begannen 1939 mit der Besetzung Polens durch die Deutschen. Zwar blieb das Zusammenleben mit den engsten Nachbarn ungetrübt, aber bei vielen Polen waren die Deutschen verhasst. Im Januar 1945 verließen Piepers ihren Hof in Richtung Deutschland. „Verglichen mit vielen anderen, die von der Front überrollt wurden oder ohne ein einziges Stück Gepäck in der Fremde ankamen, haben wir ganz viel Glück gehabt“, blickt der Gadebuscher zurück. Schwerer wog der Verlust des Zuhauses. „Es war unsere Heimat, vier Generationen hatten dort gelebt und Bauern hängen wohl besonders an ihrem Land“, so der 82-Jährige.

Heute sagt Pieper „erste Heimat“, wenn er von Czarnków spricht. Er ist auch in Deutschland heimisch geworden, erst in der Prignitz, dann nach dem Lehrerstudium im mecklenburgischen Gadebusch. Aber immer war da die Sehnsucht nach den Wurzeln. Nach dem Krieg versuchten Pieper und seine vier Geschwister, die Kontakte wiederherzustellen. 1968 reisten die Schwestern erstmals nach Stojkowo. Sie wurden freundlich empfangen, wenngleich polnische Bekannte sagten: „Viel eher hättet ihr nicht kommen dürfen.“ Sechs Jahre später, 1974, erlebte Rudolf Pieper bei seiner ersten Rückkehr ein entspanntes Verhältnis zu den deutschen Besuchern. Und er genoss das alte Heimatgefühl. Immer wieder fuhr er in den folgenden Jahren nach Polen, besuchte alte Bekannte der Eltern, knüpfte neue Freundschaften.

Mit den Jahren entstand der Wunsch, die Beziehung über die persönlichen Reisen hinaus auszudehnen. „Es war meine Überzeugung, dass es nach so vielen schrecklichen Ereignissen wichtig ist, Kontakte herzustellen und das persönliche Verstehen zu fördern“, sagt Pieper. Ein Türöffner dafür wurde das „Fest des deutschen Liedes“, das regelmäßig am Gymnasium in Czarnków stattfand. „Meine Idee war, den Austausch zuerst auf schulischer Ebene zu fördern. Und das hat dann mit der Regionalen Schule Rehna auch geklappt“, freut sich der ehemalige Lehrer. Die Partnerschaft zwischen den beiden Schulen besteht bis heute. Über das Fest ergaben sich auch Kontakte zum Bürgermeister von Czarnków und Pieper, der von 1990 bis 1994 selbst Bürgermeister von Gadebusch gewesen war, fragte frei heraus: Wie wär’s mit unseren beiden Städten? Das Interesse allerdings war auf beiden Seiten zuerst verhalten: In Gadebusch bestanden bereits Städtepartnerschaften mit Trittau in Schleswig-Holstein, dem französischen St. Germain de Puy und dem schwedischen Amål. Jetzt noch Czarnków? Doch am Ende gab es grünes Licht von der Stadtvertretung und die ersten gegenseitigen Besuche. 2008 wurde offiziell ein Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. „Das war die leichte Seite, aber einen solchen Vertrag über Jahre mit Leben zu füllen, ist schwer“, sagt Pieper. Er ist dennoch überzeugt, dass es bisher gelungen ist. Das Blasorchester Gadebusch trat bereits in Czarnków auf, der Czarn-kówer Männerchor gastierte in Gadebusch und wechselseitige Fotoausstellungen bereicherten das kulturelle Leben. Zwei mit EU-Geld geförderte Projekte für Kinder und Senioren führten zu neuen Kontakten. Und Pieper selbst lässt nicht locker und wirbt bei weiteren Vereinen dafür, Verbindungen zu knüpfen. Aus Anlass seines 75. Geburtstags hat er der Stadt Gadebusch eine „Europa-Säule“ gestiftet, die vor dem Rathaus steht und die Wegweiser in die vier Partnerorte trägt.

Pieper selbst nennt sich einen überzeugten Europäer: „Ich habe den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen miterlebt und kenne die Geschichte meiner Familie. Deshalb habe ich mich immer für ein gutes Verhältnis mit unseren Nachbarn, ganz besonders mit Polen und Frankreich, eingesetzt.“

Sehr gerührt war der Gadebuscher, als der Heimatverein 2010 in Stojkowo die Initiative ergriff und den nach dem Krieg völlig verwilderten Familienfriedhof der Piepers wiederherstellen ließ. „Auch viele Polen begreifen das inzwischen als Teil ihrer Geschichte“, sagt der 82-Jährige. Im Oktober geht es wieder nach Czarnków, den Ort, der eine so wichtige Rolle in Piepers Leben spielt. Die Verleihung der Ehrenbürgerschaft vor sieben Jahren hat ihn sehr gerührt. Genauso wie das Zitat des polnischen Schriftstellers Boleslaw Prus, das auf der Ehrenbürgerurkunde zu lesen ist: „Nur sinnvolle und ausdauernde Arbeit, welche nicht nach Ernte in einer Woche nach dem Einsäen denkt, kann Berge durchbrechen und Brücken über Abgründe legen.“

Der zweite Band der Buchserie
voff/SVZ
Der zweite Band der Buchserie
 
Abschluss der Serie „Flucht, Vertreibung und Neuanfang“

70 Zeitungsseiten, noch mehr Berichte, Erzählungen und Anrufe. Nachdem wir uns im Mai vergangenen Jahres mit dem Aufruf „Wir suchen Ihre Geschichte“ an die Leser des „Mecklenburg-Magazins“ wandten, war die Resonanz überwältigend. Schon am ersten Tag stand das Telefon nicht still. Und bis heute erreichen uns immer neue Geschichten. Manche Leser griffen sofort zum Hörer, andere überlegten lange, ob sie mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit gehen sollten. Millionen Menschen verloren in der Folge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat. Millionen flohen Hals über Kopf von zu Hause, mit notdürftig gepackten Wagen. Millionen wurden vertrieben und kamen oft nur mit dem, was sie am Leib trugen, in der Fremde an.

Mehr als 70 Jahre liegen diese Erlebnisse inzwischen zurück. Aus dem Wunsch, die eigene Geschichte öffentlich zu machen, ergab sich für viele Zeitzeugen ein intensiver Austausch. Trotz schmerzhafter Erinnerungen erlebten sie die Gespräche mit anderen als erleichternd. Viele hatten außerhalb der Familie nie über ihre Erlebnisse gesprochen. Aus sowjetischen Arbeitslagern entlassene Menschen waren in der DDR regelrecht eingeschüchtert worden. Und auch andere erlebten, dass es nicht erwünscht war, die Sehnsucht nach der Heimat öffentlich zum Ausdruck zu bringen.

Die Serie „Flucht, Vertreibung, Neuanfang“ hat viele Menschen aufgerüttelt. Sie haben aus ihrem Leben erzählt, ihre Erinnerungen zu Papier gebracht. Oft lagen die Berichte schon fix und fertig in den Schubladen. Viele Seiten des Themas kamen zur Sprache: vom Lastenausgleich über Fragen der Religion bis zu unterschiedlichen Kochrezepten. Das Projekt hat Begegnungen zwischen Menschen angestoßen. Nun soll auch die Serie – nach über einem Jahr in der Tageszeitung – enden.

Um das Projekt gebührend abzuschließen, erscheint heute der zweite Buchband mit über 40 Zeitzeugenberichten und vielen Fotos von damals, die die Jahre überdauert haben. Er ist für 12,80 Euro in unseren Geschäftsstellen in Gadebusch (Joh.-Stelling-Str. 6), Güstrow (Domstr. 9), Hagenow (Schweriner Str. 1), Ludwigslust (Seminarstr. 3), Parchim (Ziegenmarkt 10a), Perleberg (Berliner Str. 1), Rostock (Bergstr. 10), Schwerin (Mecklenburgstr. 39) und Wittenberge (Perleberger Str. 18) sowie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich.








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