zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 05:59 Uhr

Bach-Gala in Wismar : Alte Musik total jung

vom
Aus der Onlineredaktion

Bach-Gala der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern in der Heiligen-Geist-Kirche Wismar

svz.de von
erstellt am 04.Jul.2017 | 05:00 Uhr

So mächtig wie St. Georgen ist sie nicht. Doch wo deren Dimension eher einschüchternd wirkt, wirkt diese anrührend mit ihrer bunten barocken Decke: Die Heiligen-Geist-Kirche zu Wismar. Ihre Wurzeln liegen im 13./14. Jahrhundert. Oft eröffneten die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern hier ihre Saison, hier begeisterte Elite-Geigerin Julia Fischer einst als junge Preisträgerin.

Violinen spielen am Festspielsonntag Hauptrollen bei der Bach-Gala mit Isabelle Faust und der Akademie für Alte Musik Berlin. Historisch informierte Aufführungspraxis also an einem Ort voll inspirierender Atmosphäre. Für Bach ein idealer Musik-raum. Musikalisch, wenigstens gefühlt, lässt sich die Zeit zurückdrehen mit lebendiger Klang-Historie. Jetzt hinreißend gespielt von der renommierten Solistin und der international musizierenden Akademie unter Leitung von Bernhard Forck. Mit Werken von Vater Bach und Sohn Carl Philipp Emanuel. Ein Juwel im Festspielprogramm.

Die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts lebt vom Kontrast. Kräftige Klangfarben des Ensembles, enorme Dynamik, straffe Tempi, tänzerische Impulse und die fulminante Spiellust der Musiker – mit Augenkontakt und Lächeln - sind bei Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 2 sofort präsent, und dabei bleibt es. Im E-Dur-Violinkonzert klingt Energie auf, festlich und freudig im Ineinander von Solo und Tutti. Die Solistin lässt im Schlusssatz virtuos Lebensfreude pulsieren. Souverän singt ihr Instrument im 2. Satz des a-Moll-Violinkonzerts über dem Orchester, um dann mit allen ein flammendes Finale zu entzünden. In einem Interview hat Isabelle Faust gestanden: „Ich habe Blut geleckt am historisch informierten Spiel.“ Der „besondere Saft“ hat sie offensichtlich zu besonderer Spielleidenschaft erregt.

Mit dem Bach-Sohn und seiner 5., der Hamburger Sinfonie, dann der Wechsel in den sogenannten empfindsamen Stil, der forsch und extrem Emotionen zum Musik-Mosaik zusammenwürfelt. Das klingt in der Interpretation der Akademie einfach unbekümmert jugendlich originell und gar frech.

Als Krönung dann Vater Bachs Konzert für zwei Violinen und Orchester. Forck und Faust fabelhaft im Wettstreit der Stimmen. Im Largo, das als einer der schönsten Sätze von Bach gilt, strömt im Ensemble Entrückung von der Welt, und danach glänzt, glitzert, sprüht Musik-Feuerwerk. Alte Musik total jung.

Das Publikums erjubelt zwei Zugaben, und danach ist kaum zu verstehen, dass die Werke Johann Sebastian Bachs nach seinem Tod 1750 jahrzehntelang in Vergessenheit gerieten. Erst mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion unter Felix Mendelssohn-Bartholdy begann 1829 die Bach-Renaissance. Erfrischende Gegenwart ist sie durch den Enthusiasmus in diesem Konzert. Nach derart Gemütsbewegung darf das Handy noch eine Weile offline sein.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen