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In der Ostsee lagern tausende Tonnen chemischer Altlasten : Alt-Munition gefährdet Windanlagen

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Wasserbomben, Minen und Giftgasgranaten auf dem Meeresgrund werden zum Problem für Offshore-Windkraftanlagen. Auf dem Boden der Ostsee lagern 300 000 Tonnen konventioneller und 65000 Tonnen chemischer Altlasten.

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erstellt am 13.Feb.2013 | 10:56 Uhr

Schwerin | Tausende Wasserbomben, Minen und Giftgasgranaten auf dem Meeresgrund werden zunehmend zum Problem für Offshore-Windkraftanlagen und für das Mammutprojekt Energiewende. Nach Recherchen einer gemeinsame Arbeitsgruppe von Bund und Ländern, der auch Mecklenburg-Vorpommern angehört, sollen auf dem Boden der Ostsee etwa 300 000 Tonnen konventioneller und 65000 Tonnen chemischer Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg lagern.

Die Masse dieser Altlasten wurde kurz nach dem Krieg zur Entsorgung einfach über Bord geworfen. Doch wo die Gefahren heute lauern, weiß niemand genau. Die Arbeitsgruppe betont in ihrem aktuellen Jahresbericht, der unserer Redaktion vorliegt, dass "heute nur einTeil der tatsächlich durch Kampfmittel belasteten Flächen bekannt ist und dass die Munitionsprobleme bei der Realisierung von Offshore-Projekten in zunehmenden Maße zu Tage treten werden".

So war im April vergangenen Jahres vor Ahrenshoop eine britische Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg nahe der Kabeltrasse des geplanten Offshore Windparks Baltic 2 gefunden worden. Spezialisten mussten die Bombe mit einem Ladungsgewicht von 300 Kilogramm in einem Meeresgebiet sprengen, das nach der Flora-Fauna-Habitat Richtlinie besonders geschützt war. Umweltschützer sind empört. Dabei zeigte sich das Problem bereits bei der Verlegung der Ostseepipeline - der Erdgasleitung vom russischen Wyborg nach Lubmin (Vorpommern-Greifswald).

Von der Landstation Lubmin in die freie Ostsee hinaus wurden magnetometrische Untersuchungen zur Erfassung eisenhaltiger Objekte durchgeführt. Die Messungen wurden durch Sonartechnik sowie Taucheinsätze ergänzt. Auf knapp 50 Kilometern Suchstrecke wurden insgesamt 1285 magnetische Anomalien festgestellt, 785 von ihnen standen im Verdacht, durch Altmunition ausgelöst worden zu sein. Taucher identifizieren schließlich 38 Granaten, Raketenteile und andere Munitionsreste auf dieser 50 Kilometer langen Trasse.

Auch Granaten mit Giftgas werden am Ausgang des Peenestroms und im Greifswalder Bodden vermuttet. Ganze Schiffsladungen mit chemischen Kampfstoffen der Wehrmacht waren kurz nach dem Krieg auf Veranlassung der Alliierten vor Bornholm entsorgt worden. Einige Kisten gingen bereits auf der Fahrt dorthin über Bord.

"In Nord- und Ostsee gibt es nicht einen Windpark ohne Munitionsfunde", sagte Ursula Karlowski, Landtagsabgeordnete von Bündnis90/Grüne im Schweriner Landtag. Sie wirft der Landesregierung vor, das Problem zu vernachlässigen. "Eine aktive Archivrecherche, um belastete Gebiete ermitteln und bei der Planung von Offshore-Anlagen berücksichtigen zu können, findet in Mecklenburg-Vorpommern derzeit nicht statt", kritisiert die Landtagsabgeordnete.

Auch die Experten der Bund-Länder-Arbeitsgruppe machen in ihrem Bericht auf erhebliche Defizite aufmerksam. Die Kampfmittelräumdienste der Länder seien trotz Zuständigkeit im Küstenmeer "weder personell noch technisch" zu "Bergungsaktionen im erforderlichen Maßstab" in der Lage. Weiter heißt es, dass leistungsfähige Bergungstechnologien erst entwickelt werden müssten. Auch seien Zuständigkeiten und Kostenpflichten für das Räumen von Munition außerhalb der Hohheitsgewässer nach wie vor ungeklärt.

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