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Roland Kaiser im Interview : Als Tänzer ungeeignet

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Roland Kaiser über 40 Jahre Showbusiness und sein Leben mit neuem Organ.

Er fühlt sich topfit, genießt das Leben und ist musikalisch in der Erfolgsspur. Roland Kaiser hat seit rund vier Jahren eine neue Lunge, seit 40 Jahren steht er auf der Bühne. Ein Gespräch über sein neues Organ, seine zunächst schleppend anlaufende Karriere und die Tatsache, dass er ein „unfassbar schlechter Tänzer“ ist.

Herr Kaiser, meine erste Frage ist mehr als eine Floskel: Wie geht es Ihnen?
Alles prima.

Nervt es, wenn wir Medienschaffenden etwas mehr als vier Jahre nach Ihrer erfolgreichen Lungentransplantation immer noch diese Frage stellen?
Es wird ja weniger. Ich verstehe die Leute. Ihre Leser wollen das doch auch wissen.

Sie fühlen sich nach wie vor wie ein nicht transplantierter Mensch?
Mehr denn je. Auch meine Transplantationsmediziner in Hannover sind völlig entspannt.

Dort sind Sie regelmäßig Gast?
Wir sehen uns halbjährlich. Das macht man so. Die Ärzte kontrollieren ihren Transplantationspartner, ob alles so ist, wie sie es gerne hätten.

Was würde passieren, wenn etwas nicht nach dem Geschmack der Mediziner läuft?
Sie würden versuchen, Stellschrauben zu verändern. Wenn ihnen mein Lebenswandel nicht gefallen würde, dann würden sie mit mir darüber reden. Sie wollen nicht, dass ich mein Organ wieder verliere.

Sie möchten weiterhin nichts über den Hintergrund Ihres Spenderorgans erfahren?
Nein. Ich kann dabei nicht für andere sprechen, aber mich hat es nie interessiert. Was soll dieses Wissen bei mir auslösen? Warum sollte ich die Hinterbliebenen mit mir und dem Verlust ihres Angehörigen konfrontieren?

Ihr Engagement als Botschafter der Deutschen Stiftung Organtransplantation ist ungebrochen?
Ich halte viele Reden und Vorträge, wenn ich das zeitlich hinbekomme. Ich bin ja ein lebendes und werbendes Beispiel für die Wichtigkeit des Themas Organspende. Nach dem Verteilungsskandal in den vergangenen Jahren haben wir natürlich einen Rückgang zu verzeichnen: Die eingeschlafene Spendenbereitschaft hat sich nicht erholt. Es dümpelt vor sich hin. Im Moment ist es für viele kein Thema – viele machen sich erst dann darüber Gedanken, wenn sie selbst betroffen sind. Meiner Meinung nach ist es ein Informationsdefizit, das die Menschen dazu bringt, sich nicht als Spender zur Verfügung zu stellen.

Wie können Sie als Botschafter gegensteuern?
Mit Aufklärungsarbeit – immer wieder. Ich werbe zunehmend um irgendeine Meinungsäußerung, um die Angehörigen nicht im Regen stehen zu lassen. Organspende ja oder nein? Man sollte bei vollem Bewusstsein sagen, was man will. Alles andere ist nicht verantwortungsbewusst, weil die Familie in dem Moment auch mit dem Verlustschmerz zu kämpfen hat. Organspende ist ein Akt der Nächstenliebe. In diese Richtung hat sich auch die Deutsche Bischofskonferenz geäußert.

Wie sieht es mit Organspende-Ausweisen im Hause Kaiser aus?
Wir haben alle einen – meine Frau, unsere beiden Kinder und ich sowieso.

Die beiden Kinder auch aus voller Überzeugung?
Ja. Die haben erlebt, dass ihr Vater noch lebt, weil es so etwas gibt.

Themenwechsel: Haben Sie je Ihre leiblichen Eltern kennengelernt?
Nein.

Hatten Sie als Kind oder Jugendlicher nie ein solches Bedürfnis?
Ich war mit meiner Lebenssituation zufrieden, ich habe meine Pflegemutter geliebt. Ganz bewusst habe ich mich erstmals damit beschäftigen müssen, als ich meinen Führerschein machen wollte. Ich brauchte dazu die Einwilligung meiner Eltern, meine Pflegemutter durfte das nicht. Zuständig war dann ein Vormund – und der teilte mir mit, dass meine Eltern bereits verstorben seien. Meine leibliche Mutter muss mich irgendwann einmal besucht haben, als ich noch ein Säugling war. Ich weiß logischerweise nichts mehr davon.

Diese Situation bringt Sie nachträglich nicht mehr ins Grübeln?
Ich glaube, dass meine leibliche Mutter richtig gehandelt hat, als sie mich ins Heim gegeben hat. Die Lebenssituation war damals in der Nachkriegszeit nicht einfach – als 17-jährige Mutter eines unehelichen Kindes.

Nächster Sprung: Sie blicken in diesem Jahr auf 40 Jahre Showbusiness zurück – unter anderem mit dem Satz: „Ich habe leidenschaftlich gelebt, und es ist mir gelungen, Hindernisse in Chancen zu verwandeln.“ Wie meinen Sie das?
Na ja, früher habe ich natürlich öfter mal über die Stränge geschlagen. Und wenn man nicht diszipliniert lebt, hat man gewisse Einschränkungen hinzunehmen. Ohne ausreichenden Schlaf und ohne genügend Bewegung kann zum Beispiel ein dreistündiges Konzert ganz schön hart sein.

Was bereuen Sie?
Dass ich geraucht habe. Hier sind mir mit meiner Krankheit die Grenzen aufgezeigt worden. Ich lebe heute bewusst anders und bevorzuge Dinge, die ich vorher gar nicht gesehen und gemacht habe – wie meinen täglichen Sport. Ich bin ein Frühmensch geworden, ohne den Wurm fangen zu wollen. Ich stehe früh auf, mache gerne die Schulbrote für meine Kinder und kann 20 Minuten mit ihnen quatschen. Heute sehe ich meinen Beruf auch ganz anders, ich sehe ihn überwiegend als Spaß – ohne Belastung. Das Leben ist viel angenehmer, wenn man auch mal „Nein“ sagt.

Das musikalische Talent ist Ihnen ja nicht gerade in die Wiege gelegt worden, oder?
Stimmt. Ich habe damals im Musikunterricht bei Lehrer Marschinski immer bewusst danebengesungen, ich hatte keine Lust auf diesen Unterricht. Es drehte sich alles um Volksmusik, das hat mir keine Freude bereitet. Ich habe so lange danebengesungen, bis Herr Marschinski zu dem Ergebnis kam, dass ich kein musikalisches Gehör habe. Er hat mich dann auch nicht benoten können.

Ihre musikalische Karriere haben Sie später dennoch gestartet – allerdings mit der ersten Single „Was ist wohl aus ihr geworden?“ als Flop…
Für damalige Verhältnisse war es eine Lachnummer. Das Lied hat fast keinen interessiert, es wurden exakt 2475 Singles verkauft.

Und? Wollten Sie schon wieder aufgeben?
Überhaupt nicht. Ich hatte ja einen Dreijahresvertrag. 1976 kam „Frei, das heißt allein“, ein Top-20-Hit. Dann folgte „Sieben Fässer Wein“ – ein Irrtum.

Wieso?
Dieses Playback wurde ursprünglich für Rex Gildo gemacht. Dann gab es irgendwelchen Zoff – und ich habe den Song als Demo eingesungen. Einen Tag später war ich im Boot, drei Wochen später war das Ding mit mir ein Riesenhit.

Mit Ihrem weiteren Riesenhit „Santa Maria“ ist auch eine etwas kuriose Geschichte verbunden…
Die Nummer von Oliver Onions. Ich habe mich damals mit meinem Partner Norbert Hammerschmidt hingesetzt und einen deutschen Text in Richtung des Schiffes von Christoph Kolumbus geschrieben. Die Plattenfirma wollte das nicht, die wollten irgendetwas Romantisches. Norbert Hammerschmidt und ich waren richtig sauer. Da haben wir einen Text geschrieben, den wir für eine Persiflage hielten. Aber: Zeilen wie „… hielt ich ihre Jugend in den Händen …“ oder „Insel, die aus Träumen geboren …“ fanden die Verantwortlichen riesig. Sie hatten recht, es hat funktioniert.

Apropos Text. Warum haben Sie damals für Peter Maffay eigentlich unter dem Namen Wolf Wedding getextet?
Das war sein Wunsch.

Weil er sich schämte, dass die Texte von Ihnen kamen?
Nein. Er wollte die Leute an der Nase herumführen und zeigen, dass sie mit ihrer Vorurteilspolitik falsch liegen. Bei einer Platinverleihung in Frankfurt hat Peter mir dann offiziell und sichtbar für alle ein Exemplar überreicht. Das haben alle die gesehen, denen es gar nicht gefallen hat.

Stimmt es eigentlich, dass Sie ein schlechter Tänzer sind?
Ein unfassbar schlechter Tänzer.

Wie kompensieren Sie dieses Manko auf der Bühne?
Das ist kein Hindernis. Es sieht dann halt etwas lustig aus, wenn ich tanze. Deswegen hat mich aber noch keiner von der Bühne geholt.

Vor vielen Jahren haben Sie mal Hilfe bei einem Tanzlehrer gesucht.
Stimmt. Bei Milton Jones, der hat mir das Geld zurückgegeben. Ich hatte einen Jazz-Dancing-Kurs belegt, um etwas für die Bühne zu tun. Das war am Anfang meiner Karriere. Nach den ersten Wochen hat er mich in sein Büro gebeten und gesagt: „Ich habe ein Problem. Die Kursteilnehmer haben sich bei mir beschwert, weil du dermaßen unbegabt bist. Hier ist dein Geld. Bitte, hör auf.“ Danach habe ich konsequenterweise nicht mehr getanzt. Wenn ich heute auf der Bühne „Bewegungsanfälle“ bekomme, dann mache ich das einfach.

Zu Ihrem in Kürze erscheinenden neuen Album „Seelenbahnen“. Neben anderen haben Rammstein-Frontmann Till Lindemann und Maite Kelly für Sie getextet. Wollen Sie sich neu erfinden?
Das ist Quatsch. Es ist hochspannend, mit einer Frau wie Maite Kelly zu arbeiten. Wir haben uns bei einer Fernsehsendung kennengelernt. Sie hat mich dann bei einem Konzert besucht – Ergebnis: Sie würde gerne mal für mich arbeiten. Eine ungewöhnlich gradlinige Frau. Sie hat einfach mal zusammen mit Komponist Götz von Sydow sechs richtig tolle Songs geschrieben, die ich sensationell finde – eine ganz andere Sprache. So eine Sichtweise hat keiner, der schon 20 Jahre schreibt. Offensichtlich sieht sie als Frau manche Dinge anders.

Und was verbindet Sie mit Till Lindemann?
Wir sind befreundet. Miteinander auftreten würde bedeuten, dass wir uns beide sehr verbiegen müssten – und würde bei den Leuten, die uns mögen, ein Fragezeichen im Kopf hinterlassen. Glaubwürdiger wäre, wenn wir auf der Autorenebene zusammenarbeiten. Er schreibt ja auch Gedichtbände und andere Dinge.

Und?
Dann kam ein Text angeflogen, den ich gigantisch finde.
Er ist anders als andere. Er ist kein Berufstexter, er benutzt andere Worte. Mein Partner Peter Wagner hat lange dafür gebraucht, das Ding zu vertonen – und der Song „Ich weiß alles“ ist klasse geworden, alles abgesegnet von Till Lindemann.

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