zur Navigation springen

Rückblick : Als in Lichtenhagen der Hass regierte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gefährdungen von innen und außen: Vier Tage entlud sich die angestaute Wut der Bevölkerung / Heute setzt die Hansestadt auf Zusammenhalt und Toleranz

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2015 | 12:00 Uhr

24. August 1992: Eine aufgebrachte Menge versammelt sich auf der Wiese vor dem „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen. Hier befindet sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und das Wohnheim für Vietnamesen. Die Stimmung ist seit Wochen aufgeladen, da immer mehr Asylbewerber vor dem Haus campieren. Anwohner fühlen sich belästigt. Seit dem 22. August eskaliert die Lage: Zwei Tage später fliegen Steine und Brandsätze. Polizei und Behörden sind seit Tagen mit der Ausnahmesituation überfordert.

Währenddessen feuern 3000 Menschen die Randalierer an. Pogromstimmung entsteht, indem sie skandieren: „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ Viele der Täter sind nach der Wende arbeitslos, ohne Hoffnung, voller Frust. Im Haus dramatische Szenen: Beißender Rauch und Flammen – Etage für Etage flüchten die 120 vietnamesischen Bewohner und ein ZDF-Kamerateam auf das Dach. Einer von ihnen schreit voller Angst: „Holt uns hier raus – wir sind Deutsche!“ In letzter Sekunde gelingt es den Bewohnern, einen verschlossenen Notausgang zu öffnen. Sie werden evakuiert und in eine Notunterkunft nach Marienehe gebracht. Die Bilder dieser Nacht gingen um die Welt. Rostock wurde zum Synonym für ein Deutschland, in dem Ausländer um ihr Leben fürchten müssen. Im einem Landtagsuntersuchungsausschuss wurde die Frage nach den Verantwortlichen gestellt. Der damlige Innenminister Lothar Kupfer (CDU) musste seinen Hut nehmen. Die Landespolizei, die damals versagte, wurde von Grund auf modernisiert. Heute präsentiert sich die Hansestadt als „modern, tolerant und weltoffen“. Vereine wie Bunt statt Braun und die deutsch- vietnamesische Begegnungsstätte Diên Hông e.V fördern das friedliche Zusammenleben. An den Seiten des Hauses leuchten noch heute drei riesige gelbe Sonnenblumen-Blüten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen