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Ruth Kriewall aus Karow erinnert sich : Als Gauck noch aufs Plumpsklo ging

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Gerne erinnert sich Ruth Kriewall an ihre Hochzeit. Damals, am 14. Juni 1969 in der Lüssower Dorfkirche. 20 Jahre war sie da. Der Pastor habe eine tolle Rede gehalten. Dieser Pastor war kein Geringerer als Joachim Gauck.

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erstellt am 23.Feb.2012 | 10:07 Uhr

Lüssow | Gerne erinnert sich Ruth Kriewall an ihre Hochzeit. Damals, am 14. Juni 1969 in der Lüssower Dorfkirche. 20 Jahre war sie da. Sie heiratete ihren Engelhard, mit dem sie heute noch in Karow lebt. "Es war ein schönes Fest. Das ganze Dorf war da", erzählt sie. Der Pastor habe eine tolle Rede gehalten. Dieser Pastor damals in Lüssow war kein Geringerer als Joachim Gauck. Hier hatte er seine erste Pfarrstelle. Heute kann es Ruth Kriewall kaum fassen, dass "unser Pastor" bald Bundespräsident werden soll. "Wie oft kommt so etwas im Leben vor, dass jemand, der in Lüssow gewirkt hat, jetzt ganz oben steht. Ich freue mich wirklich sehr", sagt die 62-Jährige.

Von Pastor Gauck getraut und auch Tochter getauft

Ruth Kriewall, schon immer Mitglied der Kirchgemeinde, erinnert sich lebhaft an die Zeit mit Joachim Gauck in Lüssow. Von 1967 bis 1972 war er hier Pastor und betreute 14 kleine Dörfer rundherum. "Es gab damals viele Taufen und auch Hochzeiten. Meine Schwägerin hat er auch getraut. Und auch unsere Tochter Annette getauft", sagt sie. Stolz zeigt die 62-Jährige den Trau- und Taufeintrag in ihrem Familienbuch mit den original Unterschriften von Joachim Gauck.

Die Verhältnisse im Lüssower Pfarrhaus waren damals ärmlich. Gauck selbst beschreibt sie in seiner Biografie "Winter im Sommer - Frühling im Herbst". Als Toilette diente ein Plumpsklo, "im Pfarrerübergabeprotokoll als doppelsitziger Eimerabort bezeichnet", schreibt Gauck. "Einst hatten dienstbare Geister die Eimer irgendwo draußen entsorgt, in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts musste der Pfarrer diese Aufgabe selbst übernehmen." Im Pfarrhaus lebte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Fließend Wasser gab es nicht und im Winter fielen die Temperaturen in der Kirche unter Null. Die Wohnverhältnisse waren beengt, im Pfarrhaus wohnten auch noch Flüchtlinge, schildert Ruth Kriewall.

In Laage Entschluss gefasst, Pastor zu werden

Doch der junge Lüssower Pastor ließ sich von den äußeren Bedingungen nicht abschrecken, auch nicht von seinem bescheidenem Gehalt. Denn zuvor, 1966 bei seinem Vikariat in Laage, begann er von seiner eigenen Gemeinde zu träumen und bekam Lust, sich dort auszuprobieren, wie Gauck in seiner Biografie sagt. Hier in Laage, nach seinem Theologiestudium in Rostock, fasste er den endgültigen Entschluss, Pfarrer zu werden. Ein Glück für die Lüssower, denn die gewannen ihren neuen Pastor bald lieb. Schon damals entwickelte er seine anspruchsvolle Rhetorik. "Seine Predigten waren toll. Man musste einfach zuhören", sagt Ruth Kriewall. "Wenn er sprach, hatte es Sinn und Verstand." Gaucks Ausstrahlung sei auch schon damals beeindruckend gewesen. "Er war anders als andere Pastoren, so jugendlich. Er fuhr mit seinem Motorrad durchs Dorf und hatte für alle ein offenes Ohr." Freundlich sei er gewesen und immer auf andere zugegangen, so Ruth Kriewall. "Eine sehr angenehme Persönlichkeit." Viele Lüssower hätten damals schon gesagt: "Der ist so gut, der bleibt nicht lange hier."

Wilfried Zander, heute Bürgermeister in Lüssow, erinnert sich ebenfalls. "Vom Plumpsklo im Lüssower Pfarrhaus ins Schloss Bellevue", sagt er und lacht. Gauck sei "einer von uns " gewesen. Der Bildungsstand sei damals im Dorf nicht sehr hoch gewesen. Doch der studierte Gauck sei niemals arrogant gegenüber den Leuten im Dorf aufgetreten. "Es macht mich stolz, dass er jetzt Bundespräsident werden soll", sagt Zander.

Ruth Kriewall hat Gauck zuletzt im Jahr 2004 getroffen - wieder in Lüssow. Alle ehemaligen Lüssower Pastoren waren zum Dorfjubiläum eingeladen. "Er hat in der Kirche gesprochen und ich hätte ihm noch zwei Stunden länger zuhören können", sagt Ruth Kriewall. Er habe auch Plattdeutsch gesprochen, was besonders die Älteren gefreut habe. Sie und ihr Mann unterhielten sich angeregt mit Joachim Gauck. "Ganz natürlich und ganz unkompliziert", sagt Ruth Kriewall über den zukünftigen Bundespräsidenten.

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